Sonntag, 24. April 2016

Westfälische Rundschau: 500 Jahre Reinheitsgebot: Deshalb üben Bierbrauer Kritik

Nicht jeder Bierliebhaber ist Freund des Reinheitsgebots. Torsten Mömken vom "Brauprojekt 777" spricht von einer "simplen Rohstoffbegrenzung".

Das Reinheitsgebot steht für Qualität. Sagt zumindest der Volksmund. Genau 500 Jahre nach dessen Einführung fühlen sich etliche Bierliebhaber und -produzenten durch die Verordnung aber zunehmend eingeschränkt – auch Torsten Mömken vom Brauprojekt 777 aus Voerde am Niederrhein. "Wenn wir zum Beispiel ein Kürbisbier brauen, dürfen wir es nicht so nennen", sagt er.

Grund dafür ist das Reinheitsgebot, das älteste Lebensmittelgesetz der Welt. Es geht auf die Bayerische Landesverordnung vom 23. April 1516 zurück und regelt genau, was ein Bier enthalten darf. Die traditionellen Zutaten sind Wasser, Hopfen und Malz. Die benötigte Hefe wurde damals noch als Abfallprodukt gesehen, das zwangsläufig beim Brauen entstehen würde.

Reinheitsgebot ist keine Garantie für gute Qualität

"Der Verbraucher neigt dazu, das Reinheitsgebot als Qualitätsmerkmal einzustufen", sagt Torsten Mömken. Für ihn selbst ist es aber eine "simple Rohstoffbegrenzung". Diese dürfe man nicht mit Qualität verwechseln: "Man könnte ja theoretisch auch schlechtes Malz verwenden." Von so etwas will das Brauprojekt 777 aber nichts wissen. Für Torsten Mömken und seine drei Kollegen, die schon lange seine Freunde sind, ist klar: "Wir verwenden Produkte aus der heimischen Region."

Seit Ende 2012 produziert ihre Mikro-Brauerei eigene Bierkreationen, wie etwa Pilsss, Red Ale oder Single Hop. Zum ersten Mal gemeinsam gebraut haben Torsten Mömken, Tim Schade, Arne Hendschke und Christian Preuwe bereits vor über zehn Jahren. "Aus einer Bierlaune heraus", erzählt Torsten Mömken. "Ich hatte eine alte Milchkanne, Arne hat Hopfen und Malz mitgebracht und überm Lagefeuer im Garten haben wir dann gebraut."

Brauprojekt 777: Mikro-Brauerei in Eigenregie

Wirklich Ahnung vom Brauen hatte damals, "mit 18, 19", vor allem einer von ihnen: Arne Hendschke, gelernter Brauer. Aus der Bierlaune der vier Freunde entwickelte sich im Laufe der Jahre ihre eigene Brauerei.

Arne Hendschke kündigte bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, genauso wie Maschinenbautechniker Torsten Mömken. Christian Preuwe arbeitet neben seinem Sozialpädagigikstudium mit und Tim Schade kümmert sich als Grafikdesigner nebenberuflich um das Aussehen von Etiketten und den Internetauftritt.m vergangenen Jahr hatte ihr Brauprojekt einen Ausstoß von 227 Hektolitern, 2014 waren es 153 (zum Vergleich: 2015 waren es bei Krombacher 6,707 Millionen Hektoliter). Ihr Unternehmen wächst also. Das liegt auch an einem allgemeinen Trend in der Bier-Szene. Zwar wird in Deutschland immer weniger Bier getrunken, doch steigt seit ein paar Jahren die Vielfalt der Biersorten an. Grund dafür ist das sogenannte Craft Beer. Dieses wird handwerklich hergestellt und steht im Gegensatz zu dem großindustriell produzierten Bier.

Auch das Brauprojekt 777 stellt seine Produkte abseites des Mainstreams der "großen Fernsehbrauereien" her. So nennt nicht nur Torsten Mömken die Branchenriesen wie Krombacher oder Warsteiner, in Anspielung auf teure Werbespots im TV.

Reinheitsgebot bringt Vorteile mit sich

Das Reinheitsgebot mit Teufelswerk gleichzusetzen geht Torsten Mömken dann aber doch zu weit. Denn es biete trotz Einschränkungen einen großen Vorteil: "Wenn der Kunde auf dem Etikett das Wort 'Reinheitsgebot' liest, weiß er ganz genau, was enthalten ist." Dann gebe es keine E-Stoffe oder Chemikalien: "Das ist ein Vorteil, gerade in der heutigen Zeit."

Trotzdem plädiert Torsten Mömken dafür, das Reinheitsgebot neu zu denken: "Ich könnte mir eine Lockerung in Bezug auf natürliche Rohstoffe vorstellen. Das würde die Qualität und Vielfalt steigern."

Eine solche Revolution liegt am 500. Geburstag des Reinheitsgebotes aber noch in weiter Ferne. Jüngst kündigte NRW-Landwirtschafts- und Verbraucherschutzminister Johannes Remmel an: "Eine Änderung der Brauvorschriften erscheint aus Sicht der Landesregierung nicht geboten."




Fazit: Dass das Reinheitsgebot kein Qualitätsgarantie darstellt, weiß jeder Trinker mit schmalem Geldbeutel.