Montag, 11. April 2016

Weser Kurier: "Geeste Nevel" überzeugt im Geschmack: Bremerhavener brauen ihr eigenes Bier an der Uni



Praktisch, wenn man sich sein Bier selbst brauen kann. Studenten der Hochschule Bremerhaven tun das regelmäßig. "Geeste Nevel" heißt ihr Malzgetränk, mit dem sie auch bei Wettbewerben überzeugen.

Der Nebel der Geeste ist heute grün. Er wabert auch nicht über den Fluss, sondern ist selbst flüssig. Schwappt gegen das Glas, das Konstantin Neuber-Pohl jetzt von der Tischplatte hebt, gegen das Licht hält und mit kritischem Blick beäugt. „Mhmh“, murmelt er. „Sieht aus wie Bier. Bis auf die Farbe.“ Der 27-Jährige nimmt einen großen Schluck und wischt sich den weißen Schaum von der Lippe. „Schmeckt auch so.“
Neuber-Pohl trinkt viel Bier in jüngster Zeit. Seit er im Februar 2015 mit anderen Studenten die Bierbrau AG an der Hochschule Bremerhaven gegründet hat, prägen Hopfen, Gerste und Malz seine Zeit im hauseigenen Labor. Hier sitzt er, schreibt Zahlen auf einen Block, stellt Mischungsverhältnisse auf, nimmt mal hiervon mehr und davon weniger. „Geeste Nevel“ heißt das AG-Bier, weil das „nordisch klingt und das naturtrübe Bräu an Nebel erinnert“.
Sieben Sorten haben sie bereits gebraut, nicht alle haben geschmeckt, das Grünkohlbier vor Kurzem sei schrecklich gewesen, das Gewürzbier mit Ingwer, Muskat, Kardamom, Orange und Zitrone hingegen unerwartet gut. Was Neuber-Pohl jetzt in der Hand hält, ist der Rest vom St.-Patricks-Day-Bier, von dem die Gruppe 300 Liter gebraut und an dem irischen Feiertag in der Hochschule ausgeschenkt hat. Das Bräu haben sie mit Lebensmittelfarbe eingefärbt.
"Belgisch Blond Ale" überzeugt beim Wettbewerb
Sie, das sind 15 Studenten, von denen sich etwa neun regelmäßig treffen, um gemeinsam Bier herzustellen. Die meisten kommen aus unterschiedlichen Jahrgängen des Fachs Lebensmitteltechnik. Neuber-Pohl hatte die Idee zu der Gründung. Er hat ursprünglich in Braunschweig studiert – und dort gab es eine Brauer-AG, in der er aktiv war. „Als ich gegangen bin, habe ich mich verabschiedet mit den Worten: Nächstes Jahr sehen wir uns beim Wettbewerb.“
In Bremerhaven angekommen, rief er mit Unterstützung der Hochschule die AG ins Leben, und bereits im Herbst 2015 ging es zum 6. Internationalen Brauwettbewerb der Technischen Universität Hamburg-Harburg, um sich dort mit den ehemaligen Kommilitonen und 14 weiteren internationalen Brau-Initiativen zu messen. Mit Erfolg, denn ihre Bierkreation „Belgisch Blond Ale“ schmeckte der Jury, in der auch Oliver Wesseloh, amtierender Weltmeister der Biersommeliers, saß: Das Bremerhavener Team belegte Platz sieben.
Jetzt stehen die Studenten im Labor der Hochschule Bremerhaven und prosten sich zu. Gerade haben sie die nächsten 50 Liter abgefüllt – so viel passt in den Braukessel, der in der Mitte des Raumes steht. Holunderbier, das ist der neueste Versuch und ein möglicher Kandidat für den Brauwettbewerb an der Technischen Universität Marburg im September. Bis dahin wollen sie eine neue Sorte kreiert haben.
Studenten schroten das Malz per Hand
Doch der Weg dahin ist nicht so einfach. „Bei unserem ersten Bier haben wir viele Fehler gemacht“, gibt Lisa-Marie Prüchl zu. Die 27-Jährige ist Gründungsmitglied der AG, weil sie Bier mag, und weil sie sich für die Herstellung von Lebensmitteln interessiert. „Ich habe mit Konstantin auch schon Wein aus den Trauben aus dem Garten meiner Eltern gemacht“, sagt die gelernte Köchin. „Nech, Bruder Tuck von Robin Hood“, ruft sie lachend zu Neuber-Pohl und schaut dann wieder in ihr Glas. „Aber Bierbrauen ist schwerer, als gedacht.“
Das erste Bier? „War noch warm“, sagt Neuber-Pohl, „und die Hefe war praktisch tot.“ Dann wurde es schnell besser, auch wenn immer noch nicht alles perfekt läuft. „Mit dem Bier jetzt wollten wir eine Stammwürze von zwölf erreichen, sind aber bei 13 gelandet.“ Das heißt: Block rausholen, Mischungsverhältnisse neu berechnen, Prozesse überprüfen.
Im Raum nebenan lagern Hopfen und Malz. Letzteres wird per Hand in einer Mühle geschrotet. „Durch das Aufbrechen der Malzkörner kann das Brauwasser später an den Mehlkörper gelangen und die enthaltenen Enzyme wirken beim Maischvorgang“, erklärt Neuber-Pohl. Eine Stunde lang wird gemaischt, bei 66 Grad Celsius im Braukessel. Es folgt das Läutern, wobei ungelöste Stoffe entfernt werden, und anschließend die Würze-Kochung, bei der der Hopfen zugegeben wird, der für den bitteren Geschmack und die schaumige Krone zuständig ist. „Danach lassen wir das Bier erst einmal ruhen“, so der Laborverantwortliche. Mindestens zwei Wochen steht die Flüssigkeit dann in großen blauen Kunststofftonnen zur Gärung im Nebenraum, manchmal auch sechs, meist aber: „Bis es gebraucht wird.“
Einen Tag brauen, fünf Wochen stehen lassen
„Viele kommen und sind erst mal neugierig“, sagt Dennis Meyer, der sich um die Organisation von Veranstaltungen kümmert. „Aber es ist halt im Prinzip so: Einen Tag brauen, fünf Wochen stehen lassen. Wenn sie merken, dass das Ganze viel mit Geduld zu tun hat, tritt oftmals erst einmal Ernüchterung ein.“ Allgemeine Erheiterung gibt es dann aber beim Probieren des Bieres, zu dem sich die Gruppe meist nach Vorlesungsschluss verabredet. Hat das eigene Brauen Einfluss auf den eigenen Biergenuss? „Man trinkt schon etwas mehr Bier, und setzt sich stärker mit dem Geschmack auseinander“, sagt der 25-Jährige. Neuber-Pohl, der selbst gerne in einer großen Brauerei arbeiten würde, ergänzt: „Ich unterscheide mittlerweile zwischen ‚normalem‘ und ‚Genussbier‘.“
Verkaufen können sie „Geeste Nevel“ allerdings nicht. „Allein die Hygiene-Auflagen sind viel zu hoch“, sagt Lisa-Marie Prüchl. Es gehe eher um den Spaß beim Brauen, und um die Entwicklung ungewöhnlicher Sorten. Los werden sie das Bier aber trotzdem. „Wenn wir es nicht gerade selber trinken, dann schenken wir es an die anderen Studenten auf dem Campus aus.“


Fazit: Der Trend zum Nerd-Bier ist ungebrochen.