Freitag, 15. April 2016

Trierischer Volksfreund: Auf Suche nach Harmonie zwischen Säure und Frucht

Der Viez ist - neben dem Wein - das Getränk der Region. Aber Viez ist nicht gleich Viez. Experten sehen große Unterschiede. Bei der jährlichen Verkostung in der Weinbaudomäne Avelsbach in Trier haben Kenner diesmal 53 Vieze aus dem Trierer Land getestet und bewertet.

Sieben Männer sitzen zusammen an einem Tisch in der Avelsbacher Domäne. Vor ihnen stehen jeweils drei Gläser, eine Flasche Wasser, ein Korb mit Brötchen und ein Käseteller. Daneben befindet sich ein seltsam geformtes Metallgefäß - quasi ein Spucknapf für die Tester, nachdem sie den Viez probiert haben. Auch die Neige, die sich nach der Probe noch im Glas befindet, kommt dort hinein.

53 Produkte im Test

Ein weiterer separater Tisch ist fast vollkommen bedeckt mit Viezflaschen, die in Papier gehüllt sind. Insgesamt 53 Produkte nimmt das Expertenteam, das sich aus Viezproduzenten, Mitgliedern der Trierer Viezbruderschaft und Viezfans zusammensetzt, unter die Lupe. Bewertet werden sowohl Geruch als auch Geschmack und Harmonie. Für jede Kategorie können Punkte auf einer Skala von null bis fünf vergeben werden. Null heißt so viel wie "ungenießbar, Ausschluss", fünf bedeutet "hervorragend".
Aber wie genau sollte ein guter Viez denn schmecken? Für Jürgen Schmidt vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinland-Pfalz macht die richtige Harmonie zwischen Säure und Frucht einen guten Apfelwein aus. Auch der "Charakter" des Viezes sei wichtig.
Warum trinken eigentlich so viele Menschen Viez? Laut Jürgen Gehentges aus Igel, der in seiner Freizeit selbst Viez herstellt, gibt es zwei Hauptgründe. Erstens hat Viez weniger Alkohol als Wein, zweitens gehöre er einfach zur Region dazu. Schon seine Eltern und Großeltern hätten ihn gerne getrunken. Allerdings, so Schmidt, sei der Viez von heute anders als der von früher, nämlich "wesentlich zahmer". Deshalb sei er mittlerweile auch bei jungen Leuten ein beliebtes Getränk. Die meisten würden ihn aber am liebsten mit Cola oder Limo mischen. Die Experten genießen den Viez natürlich pur.
Der Unterschied zwischen dem Viez aus der Region und dem hessischen Äppelwoi liege vor allem in der Säure, sagt Jürgen Schmidt. Die Viezverkostung beginnt. Eine Flasche, deren Etikett von einer Manschette aus Wellpapier bedeckt ist, wird herumgereicht. Jeder der sieben Experten schenkt sich ein wenig davon ein. Mit konzentrierter Miene schwenken die Viezkenner ihr Glas, riechen daran und nehmen schließlich einen Schluck. Den Viez behalten sie für einige Zeit im Mund, bevor sie ihn wieder ausspeien. Am Ende macht sich jeder Notizen und vergibt Punkte für Geruch, Geschmack und Harmonie. So geht es weiter, bis alle 53 Produkte getestet sind.
In diesem Jahr sind neben dem Viez auch zwei sogenannte "Seccos", also Sekt aus Äpfeln, dabei. Nach einer Zeit legen die Experten aber eine kurze Pause ein.

Nächsten Mittwoch Prämierung

 Denn "nach der 20. Probe hat die Zunge nicht mehr die Sensorik, die man braucht", weiß Jürgen Schmidt. Immer wenn fünf bis zehn Vieze getestet worden sind, findet eine kurze Besprechung statt. Oft sind sich die Tester einig, manchmal gibt es aber auch Uneinigkeiten. Bei Probe fünf bemerkt Hanspitt Weiler, Präsident der Trierer Viezbruderschaft, dass er sich wie bei einer Weinprobe fühle. Der Viez sei süßlich und habe für seinen Geschmack zu wenig Säure. Auch Franz Steffgen von der Trierer Viezbruderschaft findet, dies sei eher Apfelsaft als Viez. Harry Kacprowski vom DLR Mosel bezeichnet Viez Nummer fünf dagegen als ein "gutes Einstiegsprodukt" für jüngere Viezkonsumenten. Der siebte Viez, der getestet wird, schneidet insgesamt richtig gut ab. "Davon hätte ich gerne ein Fässchen im Keller", frohlockt Weiler. Gerd Scholten vom DLR Mosel, der die jährliche Viezverkostung zusammen mit Jürgen Schmidt organisiert hat, stimmt zu.
Dass die Viezprobe mittlerweile etabliert ist, zeigt sich an der Rekordbeteiligung bei der jetzt 18. Auflage. Schmidt, der auch der Vorsitzende der Prüfung ist, führt das darauf zurück, dass es im vergangenen Jahr überdurchschnittlich viele Äpfel in der Region gegeben habe. Deshalb hätten viele Früchte verwertet und unter anderem zu Viez verarbeitet werden müssen. Am Mittwoch, 20. April, werden die Vieze, die am besten abgeschnitten haben, prämiert. Und dann heißt es nicht nur für die Tester, sondern auch für die Hersteller: Anstoßen und genießen!


Fazit: Der Viez ist ein Vize-Wein.