Samstag, 9. April 2016

Schwäbische Zeitung: Wein(er)kenner: Konstantin Baum ist der jüngste deutsche Master of Wine

Man täte Konstantin Baum arg unrecht, würde man ihn tatsächlich mit Grenouille, dem Hauptakteur in Patrick Süskinds "Parfüm", vergleichen. Er ist zwar auch jung   gerade mal 33 Jahre alt   hat aber sonst so gar nichts gemein mit dem meuchelnden, geistig etwas zurückgebliebenen Parfümeur aus dem Roman. Konstantin Baum ist groß gewachsen, man möchte ihn fast schlaksig nennen, sein Haar kurz geschnitten, seine Kleidung jugendlich, sportlich, fast schon seriös   sieht man mal von den lilafarbenen Laufschuhen ab. Und trotzdem kommt einem während des Gesprächs in Baden-Baden immer wieder dieser Grenouille in den Kopf, der über einen ausgeprägten Geruchssinn verfügte. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass auch für Baum das Riechen und Schmecken von zentraler Bedeutung ist. Er ist nämlich Deutschlands jüngster Master of Wine.

"Ein Schnupfen ist für mich ziemlich dramatisch", erklärt Baum, der im Fragebogen bekennt, gerne mal ein Hund sein zu wollen, um alle Gerüche erschnüffeln zu können. Dabei ist sein Riechorgan für einen Menschen sowieso schon herausragend (was nicht optisch gemeint ist). Denn nur zehn Prozent der Kandidaten bestehen die harten Prüfungen zum Master of Wine, bei denen man unter anderem an drei Tagen 36 Weine erkennen und beschreiben muss. Außerdem wird das Wissen zu allen Themen der Weinwelt abgefragt, gilt es, zwölf Aufsätze zu verfassen sowie abschließend eine Dissertation zu schreiben. Baum hat drei Jahre dafür gebraucht, an dem Londoner Institut seinen Master of Wine abzulegen. Berufsbegleitend, denn nebenher handelte der studierte Önologe bei einem Londoner Weinunternehmen mit den teuersten Tropfen.

Der Titel "Master of Wine", der keinen akademischen Grad darstellt, wurde 1953 eingeführt. Im selben Jahr haben Tenzing Norgay und Edmund Hillary als erste Menschen den Mount Everest bestiegen. Mittlerweile sind über 4000 Menschen auf den Gipfel des höchsten Berges gestiegen, Masters of Wine gibt es weltweit aber nur 320, in Deutschland derer gar nur acht. Zu Recht ist Baum stolz auf das Erreichte und liefert die Erklärung: "Wenn ich etwas anpacke, dann beiße ich mich rein und mache es hundertprozentig."

Seine Liebe zum Wein hat der gebürtige Göttinger nicht gerade in die Wiege gelegt bekommen   seine Eltern gehören zu den Otto-Normal-Weintrinkern  , sondern während seiner Ausbildung zum Restaurantfachmann in Brenners Parkhotel in Baden-Baden entdeckt. Dort hat er auch seine Frau kennengelernt. Mit ihr zusammen ist er nach der Lehre nach Irland gezogen, um im besten Restaurant des Landes als Sommelier zu arbeiten. "So hatte ich die Möglichkeit, Weine zu probieren, die ich mir persönlich nie hätte leisten können", erzählt der Meister. Und so hatte er auch die Chance, nicht nur Gästen wie Bono von U2 oder der Sängerin Sinéad O Connor reinen Wein einzuschenken, sondern auch den ersten irischen Master of Wine kennenzulernen. Der Respekt und die Ehrfurcht, die alle diesem Herrn entgegenbrachten, beeindruckten Baum so sehr, dass in ihm der Wunsch wuchs, selbst einmal ein Master of Wine zu sein. "Ich sah meine Zukunft sowieso nicht als Sommelier in einem Restaurant", erzählt der zielstrebige 33-Jährige. Stattdessen reiste er erst einmal, vor allem, um Weingüter auf der ganzen Welt kennenzulernen. Es folgte ein Studium im Rheingau, das er in den Fächern Önologie und BWL mit dem Bachelor abschloss, um anschließend auf die britischen Inseln zurückzukehren. Dieses Mal mit dem festen Willen, sie erst als Master of Wine wieder zu verlassen.

"Was sich jetzt so einfach anhört, war harte Arbeit. Ich musste mich voll reinhängen und viel büffeln, zweifelte immer wieder an meinen Fähigkeiten und stand unter großem psychischen Druck", gesteht Baum ehrlich, was den jungen Mann noch sympathischer macht. Er verfügt aber wohl doch auch über ein gewisses Talent, einen außerordentlichen Geschmackssinn sowie große analytische Fähigkeiten. "Wenn ich einen Wein sehe, rieche und schmecke, kann ich schnell die Fakten analysieren und zu einem Ergebnis kommen", erklärt er. Mit seinem Talent verhalte es sich allerdings genauso wie bei einem Sportler oder Musiker: Erst die Übung macht den Meister.

Das bedeutet aber nicht, dass der Weinkenner von morgens bis abends an der Flasche hängt. Bei Verkostungen spuckt er den Probeschluck immer brav aus, selten trinkt er tagsüber Alkohol, und im Januar lebt er regelmäßig vier Wochen lang abstinent. Die Frage nach seinem Lieblingswein hat er schon erwartet. Beantworten tut er sie allerdings nicht, sondern verrät nur, dass er auch gerne mal ein Bierchen trinkt.

In welche Richtung Baums Weingeschmack geht, lässt sich auf seiner Internetseite erahnen. Dort hat er zum einen einen Blog eingerichtet, zum anderen einen Online-Weinhandel aufgezogen. Seine Selektion ist klein und fein. Beinahe alle Winzer, deren Wein den Weg in sein Sortiment findet, kennt er persönlich. Die Flaschenpreise bewegen sich zwischen acht und 20 Euro, also im normalen Rahmen. Baums Ziel ist es nämlich nicht, eine riesige Auswahl präsentieren zu können oder sich im Hochpreis-Segment zu bewegen. Er legt viel mehr Wert darauf, noch unbekannte Weingüter in besten Lagen zu fördern und mit seinen Kunden zu kommunizieren. Der selbstständige Master of Wine lebt damit in Baden-Baden seinen momentanen Traumberuf aus. "Ich kann zwei meiner Leidenschaften   Wein und Reisen   beruflich verbinden und meine Begeisterung für Wein mit anderen teilen." Seinen anderen Leidenschaften frönt er in der Freizeit: dem Marathonlauf und seit neuestem dem Boxsport. Kann man nur hoffen, dass er dabei keins auf die Nase kriegt!

Konstantin Baums Blog findet sich unter www.meinelese.de



Fazit: Das Studium der Önologie ist eine interessante Herausforderung.