Samstag, 9. April 2016

Passauer Neue Presse: "Es gibt keinen Grund zu saufen": Dieter Fialkowski, trockener Alkoholiker, bietet im "Kreuzbund" Hilfe zur Selbsthilfe an

Zehn Halbe Bier hat Dieter Fialkowski (55) getrunken. Täglich. Jahrzehntelang. Hunderte Male ist er betrunken Auto gefahren. Der Alkohol gehörte ganz selbstverständlich zu seinem Leben - bis er eines Tages zufällig ein Gespräch zwischen seinem Sohn und seiner Frau mithörte. Sein Sohn hatte etwas mit ihm besprechen wollen, ließ es dann aber bleiben, "weil der Papa schon wieder getrunken hat". Fialkowski war schockiert und fühlte sich ertappt. Er hatte sich tatsächlich eingebildet, keiner würde seine Sauferei bemerken. Dieses Schlüsselerlebnis rüttelte ihn wach und machte ihm bewusst: So will ich nicht weiterleben.

Was dann passierte, ist ungewöhnlich: Der Trinker ergriff selbst die Initiative im Kampf gegen seine Alkoholkrankheit. Meist steckt ein Leidensdruck von außen dahinter, vom Partner, vom Arbeitgeber oder von Amts wegen, wenn der Führerschein weg ist.

Fast neun Jahre liegen sein klinischer Entzug und die anschließende Rehabilitation zurück. Dass er nach wie vor trocken ist, verdankt der 55-Jährige nicht nur Medizinern und Therapeuten, sondern auch seinem eigenen starken Willen - und Gleichgesinnten. In der Selbsthilfegruppe "Kreuzbund" hat er wertvolle Hilfe und Unterstützung bekommen. Und das Hilfsangebot für Betroffene und ihre Angehörigen zeigt nachhaltig Wirkung. Deshalb hat Dieter Fialkowski sich fortgebildet und leitet seit mehreren Jahren die Regener Ortsgruppe des "Kreuzbund", die Hilde und Franz-Josef Fischer gegründet haben.

Trotz seiner großen Erfahrung versteht er sich aber nicht als "Oberlehrer", sondern als Partner und Begleiter von Suchtkranken. Er zeigt den Weg auf, den er gegangen ist, damit andere sich eventuell ein brauchbares Teil für ihr eigenes Lebens-Puzzle herausnehmen können. Verschwiegenheit ist eine Selbstverständlichkeit. "Alles, was gesagt wird, bleibt in der Gruppe", ist einer der unverrückbaren Grundsätze.

"Du schaffst es, aber du schaffst es nicht allein" - diese Überzeugung treibt Fialkowski in seiner ehrenamtlichen Arbeit an. Die Praxis gibt der Selbsthilfe-Idee dieses über 100 Jahre alten Vereins der katholischen Kirche recht. Bei regelmäßigen Treffen bekommen Suchtkranke Unterstützung und Halt - und ihre Angehörigen genauso. Zehn Suchtkranke kommen immer zum Treffen, fünf weitere unregelmäßig. "Jedes Alter, jede soziale Schicht" ist laut Fialkowski vertreten. Ein Drittel sind Frauen - Tendenz steigend.

"In eine Selbsthilfegruppe bringt mich keiner", hatte der Regener Gruppenleiter noch zu Beginn seiner Abstinenz klargestellt. Aber er hat schnell verstanden: Mit der Zeit läuft auch der Selbstbewusste und Willensstarke Gefahr, dass seine Motivation im Dauerkampf gegen die Sucht nicht ausreicht. Mehrere (Selbst-) Hilfeeinrichtungen hat er sich angeschaut. Beim "Kreuzbund" fand er, wonach er gesucht hatte: Eine zufriedene Abstinenz.

Fialkowski bezeichnet sich als "glücklichen Alkoholiker" - im Gegensatz zu einem "staubtrockenen", der ständig bedauert, dass er nichts mehr trinken darf. Der Bauarbeiter ist mit seinem jetzigen Leben zufrieden und will nie mehr dorthin zurück, wo er einmal war. Er hat gelernt und verinnerlicht, ein eigenes Warnsystem aufzubauen - um nicht rückfällig zu werden. Ein Beispiel: Obwohl er sehr gerne Wild isst, bestellt er sich in einem Gasthaus grundsätzlich kein Wildgericht mehr - die Sauce könnte ja Rotwein enthalten. Wer aufhört zu trinken, muss seinem Leben (wieder) Ordnung und Struktur geben, eventuell Bezugspersonen austauschen. Auch dabei ist eine Selbsthilfegruppe hilfreich.

"Es gibt keinen Grund zu saufen", weiß Dieter Fialkowski. Wer trinkt, hat automatisch ein Problem mehr. "Lass das erste Glas stehen, dann brauchst du dir über das zweite keine Sorgen zu machen", ein solcher Ratschlag ist leicht verständliche und ganz praktische Lebenshilfe.

Die Kreuzbund-Ortsgruppe Regen trifft sich in jeder ungeraden Kalenderwoche am Freitag um 18.30 Uhr im Pfarrzentrum, Bodenmaiser Straße 2. Das nächste Treffen ist am 15. April. Neue Betroffene und Angehörige sind willkommen. Weitere Infos unter ? 0160/91732773.


Fazit: Es gibt keinen Grund, dafür allerdings viele Gründe.