Dienstag, 12. April 2016

Neue Zürcher Zeitung: Weisse Amerikanerinnen sterben zu früh: Alarmierender Befund zum Gesundheitszustand der Mittelschicht in den USA

Der amerikanische Traum stellt jeder Generation in Aussicht, es dereinst besser als die Eltern zu haben. Dass dies nicht mehr zutreffen könnte, macht manche Amerikaner krank.
Die schlechte Nachricht zuerst: Das weisse mittelständige Amerika in den ländlichen und kleinstädtischen Gebieten ist derart krank, dass die Sterberaten vor allem für Frauen seit einiger Zeit stark steigen  entgegen dem langfristigen Trend über die letzten Jahrzehnte, der einen kontinuierlichen Sinkflug anzudeuten schien. Die gute Nachricht: Simple Massnahmen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge können solche negative Trends brechen, sogar für die ärmeren Bevölkerungsschichten. Die Massnahmen scheinen allerdings vor allem in grösseren, wohlhabenden Städten zu funktionieren.

Unterschätzte Krise

Wie krank dieser einstige Pfeiler der amerikanischen Gesellschaft, die weisse arbeitstätige Mittelschicht ausserhalb der grossen Ballungszentren, wirklich ist, zeigt eine Studie der Princeton-Ökonomieprofessorin Anne Case und ihres Ehegatten, des Wirtschaftsnobelpreisträgers von 2015, Angus Dean. Die «Washington Post» hat ihren Befund soeben in einem längeren Artikel analysiert und mit den Sterbedaten der Centers for Disease Control and Prevention für jedes einzelne County in den USA verglichen.

Die Studie von Case und Dean räumt mit der Annahme auf, die Erfolge in der Medizin und andere technologische Fortschritte hätten zu einem langfristigen Sinken der Sterberate in sämtlichen Bevölkerungsschichten geführt. Sie zeigt vielmehr auf, dass weisse Angehörige der Mittelschicht, Frauen noch mehr als Männer, diesem Trend seit etwa 1990 trotzen. Die Auswertung der Sterbedaten durch die «Washington Post» bezeugt, dass der Anstieg der Sterberate für Weisse in ihrer Lebensmitte  in den Dreissigern, Vierzigern und Fünfzigern  vor allem in ländlichen und kleinstädtischen Gegenden stark gestiegen ist. Zum Teil hat sie sich mehr als verdoppelt. Lebte eine amerikanische Frau vor vier Jahrzehnten im Durchschnitt acht Jahre länger als ein Mann, so ist dieser Unterschied in der Zwischenzeit auf fünf Jahre geschrumpft.

Sinkende Lebenserwartung und ein plötzlicher Anstieg der Sterberate sind normalerweise Anzeichen von akuten Krisen. In den USA ist das nicht anders, nur blieb das Ausmass der Krise lange unerkannt. Anzeichen dafür wurden zwar seit einigen Jahren gemessen, doch ihre Tragweite wurde unterschätzt. Erst in den letzten zwei, drei Jahren wurde klar, dass es sich hier um eine Krise handelt, die nicht bei den weissen Angehörigen des Mittelstands haltmacht, aber diese besonders hart trifft.

Die wichtigsten Faktoren für die höhere Rate an Todesfällen (Mortalität) und Erkrankungen (Morbidität) sind Abhängigkeit von opiathaltigen Schmerzmitteln, die häufig auch zum Heroinkonsum führt, ferner Alkohol, Tabak und Folgen von Fettleibigkeit. Auch die Selbstmordrate stieg beängstigend stark an. Für weisse Frauen, die zwischen 50 und 54 Jahre alt sind, hat sie sich mehr als verdoppelt. In mindestens 30 Counties im Süden errechnete die «Washington Post» für schwarze Frauen in der Lebensmitte eine niedrigere Sterberate als für weisse.

Enttäuschte Erwartungen

Doch was führt die Amerikanerinnen und Amerikaner zu dem verbreitet ungesunden Verhalten? Es ist ja nicht so, dass die schädlichen Auswirkungen des Rauchens, des schweren Trinkens, des Konsums von Opiaten und des Übergewichts ein streng gehütetes Geheimnis wären. Wie es scheint, spielen enttäuschte Erwartungen eine grosse Rolle, die ihrerseits wiederum zu einer Atmosphäre allgemeiner Hoffnungslosigkeit beitragen.

Der Soziologe Andrew Cherlin von der Johns Hopkins University erklärte der «Washington Post», der Glaube, dass die junge Generation es besser haben werde als jene der Eltern, sei ein Pfeiler des «American Dream». Die Erwartung sei im Wesentlichen bisher stets erfüllt worden, fährt Cherlin fort, und sie sei für Hochschulabsolventen wohl auch heute noch gültig. Anders sei die Lage aber für Amerikaner mit einem einfachen Highschool-Abschluss, die man früher als Blue Collar Workers (Werktätige) bezeichnet habe.

Betroffen von der Krise sind aber nicht nur die einschlägig bekannten Zentren der untergegangenen metallverarbeitenden Industrie wie der «Rostgürtel» im Norden zwischen New York und Illinois oder die Kohlenabbaugebiete in den Appalachen. Die einzigen Ausnahmen vom Trend sind laut der «Washington Post» einige der Grossstädte: New York, Chicago, Los Angeles, Washington und Houston. Nur dort sind die Sterberaten für Weisse weiter gesunken, wenn auch nicht im gleichen Ausmass wie jene der Schwarzen oder der Latinos.

Dieser Befund wird von einer weiteren Studie unterstützt, die auf den ersten Blick nur bereits Bekanntes bestätigt: dass nämlich wohlhabende Menschen im Durchschnitt länger leben als ärmere. Doch hinter diesen Gemeinplätzen verbirgt sich eine hoffnungsvollere These, wie die «New York Times» am Montag berichtete: In gewissen Städten, wo grundlegende Massnahmen der allgemeinen Gesundheitsvorsorge eingeführt und durchgesetzt wurden, stieg auch die Lebenserwartung der ärmeren Bevölkerung  quasi im Windschatten  deutlich an.

Für Wohlhabende, so das Fazit, kommt es kaum darauf an, wo sie leben. Doch für ärmere Bevölkerungsschichten kann der Wohnort eine wichtige Rolle spielen bei der Frage über Leben oder (frühen) Tod.


Fazit: Enttäuschte Erwartungen lassen Menschen tief ins Glas blicken.