Freitag, 22. April 2016

Neue Zürcher Zeitung: Auf Nippvisite in Down Under: Das Barossa Valley in Südaustralien kennen viele nur von Weinetiketten. Doch in dem Weinbaugebiet ist mehr zu finden als Shiraz. Und es muss sich auf den Klimawandel einstellen.

Hinter einer dicken Tür, eine steile Steintreppe weiter unten, scheint das Barossa Valley auf einmal weit weg. Keine sonnenbeschienenen Rebenreihen mehr, durch die Kängurus hopsen. Keine eukalyptusbewachsenen Flussläufe, keine Farmers' Markets, keine Kirchen, keine alten Windräder. Stattdessen gibt es Dämmerlicht, Feuchtigkeit und Kellergeruch. Das nimmt man freiwillig und aus gutem Grund in Kauf. Denn hier unten warten einige gute Tropfen, die gleich ins Probierglas kommen. Um ein Vielfaches mehr an Menschen haben mit Wein aus diesem südaustralischen Tal angestossen, als einen Fuss in dessen Rebenreihen gesetzt haben. Das Barossa Valley verbindet man vor allem mit dem Knallen eines Korkens.

Hinter Kellertüren

Weinexperten würden jetzt von Bitterschokolade, Schwarzkirsche, Brombeerlikör und mineralischen Tönen sprechen. Vollmundig, samtig, fruchtig und schwer. Es ist kaum vorstellbar, dass man noch mehr Geschmack in einem Traubensaft konzentrieren kann. Die Gutsbesitzer Michael und Annabelle Waugh bewässern die teilweise uralten Weinstöcke auf Greenock Creek bewusst nicht, da sie die kleineren, intensiveren Trauben bevorzugen. Sie kaufen auch keine Früchte dazu, was in der Gegend eigentlich gängige Praxis ist. War das Jahr nicht so gut, gibt es eben weniger Wein, der in den Verkauf gelangt.

In diesem kleinsten Degustationsraum des Barossa Valley findet sich genau das, wofür das Tal weltberühmt ist: vor allem Shiraz, dazu Cabernet Sauvignon und Grenache. Die Leute im Barossa sind stolz auf die Tradition, die alten Böden, die europäischen Wurzeln sowohl der Menschen als auch der Weinstöcke, welche Siedler ab 1840 in die neue Welt mitgebracht haben  für den Genuss und als Geschäftsidee. Typisch sind vor allem französische Traubensorten. Shiraz etwa ist eine andere Bezeichnung für die französische Sorte Syrah.

Was sich in Greenock Creek noch tatsächlich hinter einer Kellertür abspielt, gibt es auf vielen der 150 Weingüter der Gegend. Cellar Door werden Weinverkostungen genannt, auch wenn sie inzwischen oft in einem schicken Anbau, auf einer Dachterrasse oder in einem Extragebäude stattfinden. Viele Städter aus dem sechzig Kilometer entfernten Adelaide machen Tagesausflüge in die Welt des Weins  zu zweit, mit Freunden oder gleich als Firmenfeier oder Junggesellenabschied. Und Touristen bauen eine Weintour in ihre Rundreise ein: auf dem Fahrrad, mit Chauffeur, auch im Oldtimer oder mit dem Motorrad. Man hat die Wahl aus rund achtzig Cellar Doors. Zum guten Wein wird die gute Küche zelebriert, das Tal gilt bereits als Feinschmeckerziel. Zum Barossa Gourmet Weekend kamen letztes Jahr 25 000 Besucherinnen und Besucher.

Bei den Artisans of Barossa, am Fuss des Mengler Hill, erinnert überhaupt nichts an eine Kellertür. Alles ist neu, modern und hip. Selbst das eigentliche Weingut fehlt. Sieben kleine Winzer haben sich zusammengeschlossen, um hier ihre Weine zu präsentieren. Sie errichteten eigens ein Gebäude mit Terrasse, Garten, Weinbar und einem Restaurant, das lokale Gerichte anbietet und passenderweise «Harvest Kitchen» heisst. Der Blick geht über die Weinberge, die hier ja eigentlich gar keine sind. Angebaut wird bevorzugt in der Ebene. Die Gipfel der Gegend bleiben rebenfrei. Der Grund dafür: Am Hang braucht man mehr Wasser, und das ist rar. Dass die Trauben nicht genügend Sonne bekommen könnten, ist im heissen Süden Australiens ohnehin nicht die Sorge.

Die Theke als Bühne

Eine grosse Gruppe junger Australier macht sich gerade auf den Rückweg nach Adelaide  oder zieht weiter zum nächsten Cellar Door. An der Bar haben es sich zwei junge Familien gemütlich gemacht. Sie finden immer noch etwas auf der Weinkarte, das ein Bleiben lohnt. Die Stimmung ist ausgelassen, Fotos werden direkt in den sozialen Netzwerken gepostet. Der Weinbarmann Simon scheint in Höchstform, euphorisch, fast ein Animator. Er plaudert, erklärt. Die Theke ist seine Bühne. Hier kommt zum klassischen Weinverkosten der Vergnügungsfaktor hinzu.

«Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken.» Dieses Zitat von Goethe ist an der Probiertheke des Weinguts Tscharke in Stein gemeisselt. Tatsächlich brachten deutschsprachige Siedler die Weinkultur ins Barossa Valley  was auch heute noch unübersehbar ist. Ein Weingut heisst Kellermeister, eine berühmte Lage Steingarten, ein Naturschutzpark Kaiserstuhl, ein Ort Krondorf und ein Dessertwein Schluck. Es gibt Mettwurst, Sauerkraut und Strudel. Warum also nicht auch Goethe?

Nicht dass Damien Tscharke sehr an Vergangenem kleben würde. Er ist offen für Veränderungen, bereit, Dinge neu zu denken. Zwar keltert er weiterhin Shiraz und Grenache, daneben aber auch neue Sorten. Der Winzersohn studierte nachhaltigen Weinbau, rüstet die Familienweinberge um für die nächste Generation. «Wir waren die Ersten in Australien, die Montepulciano pflanzten, bauen auch Graciano, Touriga und Tempranillo an.»

Die jungen Weine zeigen schon mit Namen wie «Matching Socks», «Bed Hair» oder «Girl Talk», dass mit Behäbigem bald Schluss ist. Es verändere sich generell etwas im Barossa Valley, nicht nur bei ihm, sagt Damien: «Immer mehr Winzer finden Wege, mit der Umwelt zu arbeiten statt auf ihre Kosten.» Andere Trauben halten Einzug; man hofft, dass sie besser zum Klima passen. Wer sagt denn, dass die Siedler vor 150 Jahren die perfekten Sorten an Bord hatten?

Teile des Tals sehen aus, als hätte sie jemand penibel mit dem Kamm bearbeitet. Exakt parallel verlaufen die Streifen der Weinstockreihen. Natürlich ist der intensive Weinbau eine Last für die Umwelt. Die zweite Bürde aber ist der globale Klimawandel, der sich im südlichen Australien abzeichnet. Es wird tendenziell heisser und trockener. Ist der Wein aus dem Barossa deshalb vom Aussterben bedroht? Wie reagieren die Weinstöcke? Es ist zu befürchten, dass irgendwann Shiraz nicht mehr wie Shiraz schmecken wird. Pessimistische Prognosen gehen sogar davon aus, dass viele australische Rebflächen schon von der Mitte dieses Jahrhunderts an nicht mehr für den Weinbau geeignet sein werden. Ein paar Winzer weichen bereits ins deutlich kältere Tasmanien aus.

Mutter Natur austricksen

Begleitet vom schrillen Piepen des Gurtwarners, fährt Michael McCarthy aus seinem Büro in Nuriootpa hinüber zum zugehörigen Weinberg. Doch der grossgewachsene gebürtige Adelaider mit den wilden Haaren, dem grauen Vollbart und der sonnenverbrannten Nase interessiert sich nicht für die Alarmtöne seines Autos. Er sorgt sich vielmehr um die Warnsignale der Natur und kümmert sich um die Zukunft des Weins. Aus den Lagen, zu denen er unterwegs ist, werden keine berühmten Tropfen gekeltert. Hier geht es nicht um eine gute Ernte, sondern um stichhaltige Ergebnisse. Denn in diesem Versuchsweinberg des landwirtschaftlichen Forschungszentrums wird der Klimawandel simuliert.

Dächer mit Plasticplanen halten den Regen ab, den wiederum Sprinkler teilweise ersetzen. Bunte Bänder markieren unterschiedliche Versuche. Unter der Erde beobachten derweil Minikameras in transparenten Röhren die Wurzeln. Es soll ein Fenster in die Zukunft sein: Wie sehen die Barossa-Weinberge in dreissig oder fünfzig Jahren aus? Welche Ernte ist zu erwarten? Welche Traubenqualität? Wie schmeckt der Wein? Wie geht es den Weinstöcken? Die Klimavorhersagen für die Gegend gehen von 15 bis 20 Prozent weniger Regen und 2 bis 3 Grad Erwärmung aus. Das wäre eine enorme Veränderung. Shiraz wird dann definitiv anders schmecken.

Soll man andere Traubensorten pflanzen? Und wie will man den fehlenden Regen ausgleichen? Die hier übliche Tröpfchenbewässerung wird nicht genügen, so die Hypothese, denn sie befeuchtet nur rund 10 Prozent des Wurzelballens. Doch Sprinkleranlagen brauchen viel Wasser, das schon jetzt rar ist. «Wir müssen also daran arbeiten, Mutter Natur auszutricksen», meint der Wissenschafter Michael McCarthy. Während er das sagt, wirkt er zwar ernst, aber auch sehr optimistisch. Irgendwie anpackend. Vielleicht steckt in ihm noch ein wenig Siedlermentalität. Das Barossa Valley ohne Weinreben und ohne Wein, ohne das Knallen von Korken  das könnte sich ohnehin niemand vorstellen.
Die Reise wurde unterstützt von der South Australian Tourism Commission und von Singapore Airlines.
Gut zu wissen
Cellar Doors: «Tscharke's Place», Marananga, “Greenock Creek“, “Artisans of Barossa“, Vine Vayle. Weintouren: Life Is A Cabernet, Kent Town.
Südostasiatische Gourmetküche mit Spitzenweinen: fermentAsian, Tanunda.
Infos zu Südaustralien.


Fazit: Südaustralische Winzer gewärtigen trockene Böden.