Freitag, 22. April 2016

Neue Zürcher Zeitung: Der König ist Kunde

Die Geschichte Kapstadts ist an den Weinbau geknüpft. Seit Ende der Apartheid blüht der Wirtschaftszweig. Historische wie moderne Güter ziehen Geniesser an.

Der Atlantik, der Tafelberg, eine bombastische Flora, eine Fauna von Pinguinen über Paviane bis zu Springböcken. Herausgeputzte Wohnquartiere, die mit Zäunen und Alarmanlagen geschützt werden. Townships, deren Blechhütten bis an den Horizont reichen. Das Kap der Guten Hoffnung ist landschaftlich imposant, und es ist bis heute, über zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid, eine Welt der schroffen gesellschaftlichen Gegensätze geblieben. Für die privilegierten Schichten  noch immer vor allem Weisse  bedeutet es den Garten Eden. Für die Benachteiligten  bis heute mehrheitlich die schwarze Bevölkerung  oft die Hölle der Armut. Da kann man schon einmal über die eigene Rolle als Tourist erschrecken, wenn man im klimatisierten Auto an zu Fuss von ihren Jobs in den Villenquartieren heimkehrenden Arbeitern vorbeifährt.

Wein gegen Skorbut

Es ist wichtig, sich der tragischen Geschichte und der schwierigen Gegenwart bewusst zu sein, wenn man durch Südafrika reist und vor allem die Schönheit des Landes geniesst. In Kapstadt etwa gehört die Weingegend zu diesen Sehenswürdigkeiten. Der Anbau begann ähnlich wie in einigen europäischen Erzeugerländern vor 350 Jahren, im Herzen der heutigen Metropole. Ja dieser ist womöglich ein Grund für die Entstehung von Südafrikas ältester Stadt mit inzwischen 3,8 Millionen Einwohnern. Die Niederländisch-Ostindische Kompanie versetzte den Kaufmann Jan van Riebeeck 1652 ans Kap, um eine Versorgungsstation für Schiffe auf dem Weg nach Indien einzurichten. Die niederländischen Seeleute seien trotz dieser Massnahme reihenweise an Skorbut gestorben, während die französischen, spanischen und portugiesischen Matrosen ohne Todesfälle um die Welt gesegelt seien, so die Legende. Der Grund für ihr Wohlbefinden? Sie sollen täglich Rotwein erhalten haben. Van Riebeeck forderte also beim Rat der alten Herren in Amsterdam per Schiff Rebstöcke an. Diese wurden im Company's Garden gepflanzt, dem heutigen botanischen Garten Kapstadts. Die Trauben aus Frankreich überlebten  es handelte sich wohl um solche der bis heute in Südafrika beliebten fruchtigen Sorte Chenin blanc, genannt Steen. Am 2. Februar 1659 notierte van Riebeeck in sein Tagebuch: «Heute wurde das erste Mal Wein aus Kap-Trauben gepresst.» Zwanzig Jahre später ernannte man Simon van der Stel zum Gouverneur der Kap-Kolonie. Er begann auf der Rückseite des Tafelbergs in Kapstadt Reben anzubauen. Südafrikas erste Weinregion, Constantia, und die wohl ältesten Güter, Steenberg, Groot Constantia und das kleine, feine Buitenverwachting, entstanden. Historische Persönlichkeiten schätzten die guten Tropfen: Friedrich der Grosse, Bismarck oder das britische Königshaus. Napoleon soll monatlich dreissig Flaschen bestellt haben. Groot Constantia mit seinen Farmhäusern im kapholländischen Stil steht heute unter Denkmalschutz.

Fast gleich alt ist Boschendal in Stellenbosch. Der Ort wurde von Simon van der Stel gegründet, die Weinerei von Hugenotten. Bis heute stellen die dortigen Winzer ebenfalls einen Chenin blanc her  mit Mango-Note. Zudem gibt es einen an Erdbeeren erinnernden Blanc de noir. Tradition wird in Boschendal grossgeschrieben: Im als Museum hergerichteten Herrenhaus mit Baujahr 1812 lässt sich nachvollziehen, wie es damals gewesen sein muss. Beim Gang durchs Esszimmer erfährt man etwa, dass sich die Familie von ostindischen Sklaven bedienen liess. Die Weinkultur des Western Capes ist geschichtsträchtig, dort liegen auch 95 Prozent der Weinbauflächen Südafrikas. Seit dem Ende der Apartheid 1995 haben die Exporte stark zugenommen, ebenso kultivieren die Winzer vermehrt Rotweine. 1996 waren 80 Prozent des Reblandes mit Weissweintrauben bestockt, seit 2009 sind es nur noch 56 Prozent. Heute boomt der Wirtschaftszweig und zieht Geniesser aus aller Welt an. Allein zwischen Stellenbosch und Franschhoek gibt es Dutzende von Rebgütern, die oft auch hochstehende Restaurants, Boutiquen und Galerien betreiben.

Die Sorte Pinotage ist typisch

Nicht alle stellen qualitativ einwandfreie, eigene Tropfen her. 1973 wurde daher das System der Wines of Origin (WO) eingeführt. Gutsweine dürfen nur aus Trauben von Rebbergen des auf der Etikette genannten Guts bereitet sein. Eine landestypische Rotwein-Rebsorte ist  neben Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah  Pinotage. Die dort entwickelte Kreuzung aus Pinot noir und Cinsaut gilt als nationale Traubensorte. Mit einem besonders feinen Pinotage sticht das seit vierzig Jahren bestehende Kanonkop zwischen Stellenbosch und Paarl heraus, das für Topqualität steht. In Vergelegen in Somerset West gelingt dieser Wein ebenfalls. Wer einen Pinot noir sucht, kommt an den Hamilton Russell Vineyards nicht vorbei. Die kühle Meeresbrise begünstigt das Gedeihen der Rotweinsorte der 1975 gegründeten Anlage in Hermanus. Empfehlenswerten Chenin blanc stellen neben dem traditionellen Boschendal weitere Güter nahe Stellenbosch her, die mit moderner Architektur beeindrucken: Das Dornier der Flugzeughersteller-Familie und das Tokara. Der Besitzer erbaute 2002 ein Anwesen, dessen Stahl-und-Glas-Konstruktion einen spektakulären Blick auf die Hügellandschaft freigibt. Der Garten mit einem «Vogelnest» im Baum, in dem Kletterwillige Platz finden, ist einen Spaziergang wert.

Wegen des Designs, aber auch des Pierneef Sauvignon blanc ist das Gut La Motte bei Franschhoek aufzusuchen. Seine Geschichte reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück und lässt sich auf einer geführten Tour erkunden. Doch der Gebäudekomplex wirkt alles andere als altmodisch, sondern erfrischend modern, und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Die jüngere Generation picknickt im liebevoll gestalteten Park. Vom Weingut La Motte sind es wenige Autominuten bis zum «Grande Provence». Das preisgekrönte Restaurant mit zuvorkommender Bedienung ist ein Geheimtipp unter Prominenten. Der britische Schauspieler Jude Law soll hier genächtigt haben.


Fazit: Die kühle Meeresbrise haucht sich in dIe südafrikanischen Reben ein.