Freitag, 22. April 2016

Kicker: Witz und Wein: Wie Ranieri Leicester glücklich macht

Er geht auf die Geburtstagspartys seiner Spieler, interessiert sich nicht für ihre Essgewohnheiten und verwirrt sie mit seltsamen Witzen: Trainer Claudio Ranieri beweist bei Leicester City, dass das Prinzip "lange Leine" zum Erfolg führen kann. Doch am Sonntag muss er etwas tun, was ihm gar nicht gefällt - und was den Meistertitel bedroht.

Es sollte wohl ein Kompliment sein, was Christian Fuchs da vor ein paar Tagen dem "Observer" sagte. "Für einen Italiener", beschrieb Leicesters Linksverteidiger Claudio Ranieri, "ist er sehr lustig." Dass sich ein Spieler seinen Trainer in aller Öffentlichkeit so zu necken traut, liegt erst in zweiter Linie daran, dass Fuchs Österreicher ist. In erster liegt es an Ranieri selbst.
Dieser gemütliche 64-Jährige lädt seine Profis zum Pizzabacken ein, kommt zu ihren Geburtstagspartys, gibt nichts auf ihre Essgewohnheiten - und dafür lieben sie ihn. Wie einen Großvater, der seinen Enkeln heimlich Süßigkeiten zusteckt und bei dem sie fernsehen dürfen, so lange sie wollen. Ranieri ist der grauhaarige Beleg dafür, dass das Prinzip "lange Leine" funktionieren, ja sogar der Schlüssel sein kann.

Ranieris Handschrift ist erkennbar, schwungvoll, aber leserlich

Natürlich versteht Ranieri auch eine Menge vom Fußball. Die Art, wie Leicester verteidigt - die Innenverteidiger halten ihre Position, egal, was auf den Flügeln passiert -, wie Leicester kontert, wie Leicester Gegner jagt: Ranieris Handschrift ist erkennbar, schwungvoll, aber leserlich. Nur deswegen ist Leicester vier Spieltage vor dem Saisonende immer noch Premier-League-Spitzenreiter.
Weiterhin spricht Ranieri nur von der Champions-League-Qualifikation, und auch das nur, weil er halt irgendwas auf die Fragen antworten muss. Was ihn eigentlich beschäftigt: "Spiel für Spiel, Spiel für Spiel - darauf drillt er uns immer", sagt Fuchs. "Und das funktioniert bis jetzt ausgezeichnet." Das Problem: Fuchs sagte das vor vergangenem Wochenende.
Am Sonntag nämlich rettete Leicester gegen West Ham ein 2:2, das gleichzeitig dank und trotz Fehlentscheidungen zustande kam. Jetzt ist Tottenham (am Montag gegen West Bromwich) auf fünf Punkte näher gerückt, ein Polster, das bei ausstehenden Spielen gegen Swansea (H), Manchester United (A), Everton (H) und Chelsea (A) aber vielleicht schon bald ziemlich zerschlissen ist.

Vardy akzeptiert die FA-Anklage - sein Kampf hat damit erst begonnen

Das hat ein bisschen mit ManUniteds Formanstieg zu tun, vor allem aber mit Jamie Vardy. Der Torjäger sah für eine wild diskutierte Schwalbe Gelb-Rot, und weil er sich danach zu heftig beim schwachen Schiedsrichter Jonathan Moss beschwerte, könnte wegen ungebührlichen Verhaltens noch eine zusätzliche Sperre auf ihn zukommen. Am Donnerstagabend akzeptierte er die FA-Anklage - doch damit geht sein Kampf erst richtig los.
Denn gleichzeitig strebt er eine persönliche Anhörung an, um seine Reaktion zu erklären, am Montag könnte diese stattfinden. Zupass kommt Vardy, dass Roy Hodgson, als Nationaltrainer bekanntestes Gesicht der FA, die Schwalbe als Fehlentscheidung und Vardys Wut als "menschlich" klassifizierte, auch wenn das nicht die Mehrheitsmeinung in England ist.
Ein Endspurt ohne Vardy? Auch da denkt Ranieri lieber von Spiel zu Spiel, sonst drohen Kopfschmerzen. Von Leicesters 59 Saisontoren erzielte Vardy schließlich 22 und bereitete sechs vor. Als er rund um den Jahreswechsel wegen einer Leisten-Operation fehlte, erlebte Leicester seine einzige kleine Schwächephase. Gegen Swansea am Sonntag (17.15 Uhr) dürfte ihn der Argentinier Leonardo Ulloa im Sturmzentrum ersetzen. Ein solider Angreifer, der aber weder über Vardys Abschlussstärke noch über sein Tempo verfügt. Denn das wird ja beim Torezählen schnell vergessen: Was Vardy läuferisch für seine Mannschaft leistet, ist phänomenal. Das könnte Leicester am meisten vermissen.
Nach langer Zeit muss Ranieri also seine Startelf verändern, etwas, was ihm gar nicht gefällt. Erst 23 Spieler setzte er in dieser Saison ein. Verletzungen sind dieser Mannschaft fremd, niemand, auch nicht Mittelfeld-Dauerläufer N'golo Kanté, wirkt in der finalen Saisonphase müde. Dabei ist es Ranieri egal, ob seine Spieler mal zum Burger oder zum Rotwein greifen; solange sie für ihn rennen, dürfen sie essen und trinken, was sie wollen.

"Es kümmerte ihn nicht, dass ich ein oder zwei Gläser Rotwein trank"

Fuchs' inzwischen schon legendäre Geschichte, dass Ranieri zweimal zu seinem 30. Geburtstag kam, weil er sich die Einladung nicht sorgfältig durchgelesen hatte und deshalb einen Tag zu früh verwundert und alleine im Restaurant stand, endet nicht umsonst mit den Worten: "Ich konnte nicht glauben, dass er wirklich gekommen war. Ich denke, es gibt nicht allzu viele Trainer, die da aufgetaucht wären. Und er lächelte, genoss die Party und kümmerte sich nicht darum, dass ich ein oder zwei Gläser Rotwein trank."
Diese Wärme, dieser Spaß gehört fest zu Leicesters Erfolgsgeschichte, die noch nicht zu Ende erzählt ist. Und sie gehört fest zu Ranieri, der im vergangenen Sommer auf Spieler traf, die seine Gutmütigkeit nicht ausnutzten, sondern als Antrieb begriffen. Auch wenn sie nicht jede Eigenheit sofort verstanden. "Jeden Tag", erzählt Fuchs, "fragt mich Claudio: 'Oh, du auch hier?' Ich weiß nicht, warum er das sagt, aber das ist seine Art von Humor."


Fazit: Unter Rainieri darf Fuchs ins Rotweinglas schauen.