Freitag, 22. April 2016

Neue Zürcher Zeitung: Heute von morgen und morgen von gestern sein: Das Dilemma der Disruption

Statt stets danach zu suchen, was das nächste grosse Ding werden könnte, sollte man sich eher daran orientieren, was schon seit Ewigkeiten erfolgreich ist.

Es ist ein ewiges Dilemma: Soll man sich an das Rad des Fortschritts hängen oder am Bewährten festhalten? Die Psyche kennt den Zwiespalt zwischen zwei sich widersprechenden Verzerrungen, dem Status-quo-Bias und dem Phänomen der Neomanie. Dank Ersterem tendieren wir dazu, den gegenwärtigen Zustand beibehalten zu wollen; dank Letzterem gieren wir nach Neuem. Hinter beiden Haltungen steht letztlich Angst: bloss nicht zu viel riskieren, aber auch nicht abgehängt werden.
«Disrupt or be disrupted», heisst es nun schon seit einigen Jahren aus der Smart Economy: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.Doch wo die Zeit hinwill, weiss sie leider immer erst danach. Blind auf das Neueste und den Fortschritt zu setzen, ist keine gute Idee: Neunzig Prozent aller Startups scheitern. «Hätte man doch nur vor zehn Jahren in Google investiert!», denken heute trotzdem viele. Ja, richtig, aber noch wichtiger: Hoffentlich hat man die Aktien von Lycos, Altavista und Co. rechtzeitig verkauft.
Die angeblich so disruptive, den Bruch zur Old Economy beschwörende Digitalwirtschaft produziert selbst am laufenden Band ihre eigenen Weg-Leichen – der Aktiendepotauszug des Jahres 2000 liest sich wie eine Ansammlung von Todesanzeigen der New Economy. Wer spricht heute noch von StudiVZ oder Myspace? Wer lädt noch Klingeltöne herunter? Die Google-Gründer hätten sich übrigens in ihrer Frühphase selber fast «disrupted», allerdings wollte ihnen niemand ihre Firma für zwei Millionen Dollar abkaufen.
Ob Apple Watch, Google-Brille oder selbstfahrende Autos: Niemand weiss im Voraus, was als technischer Schnickschnack auf der Müllhalde der Geschichte landet oder was die Welt verändert. Das ist das Dilemma der Disruption. Und Trends können drehen: Es ist derzeit zwar nicht abzusehen, aber vielleicht wünschen sich Menschen schon bald wieder das gute alte Hotel und seinen diskret-mondänen Service zurück, statt in zunehmend austauschbaren, pseudoprivat eingerichteten Airbnb-Wohnungen hausen zu wollen. Der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb («Incerto») nennt das den «Bullshit-Filter» der Geschichte. Weder Likes noch Einschaltquoten oder das grösste mediale Getöse bestimmen darüber, was letztlich relevant ist, sondern nur die Zeit. Was sich fünfzig oder mehr Jahre gehalten hat, könnte auch die nächsten Jahrzehnte überleben.
Auch in der Liebe hat sich vieles, was altmodisch klingt, letztlich bewährt. Die Zweierbindung ist geblieben, auch wenn sich Modalitäten ändern, wie bei der Partnersuche. Die Disruption der Liebe ist trotz Multioptionalität, Algorithmen oder Tinder jedenfalls noch nicht eingetreten. Statt massenhaft Cybersex zu treiben, sitzen sich neu verliebte Pärchen immer noch in Cafés gegenüber, tauschen Blicke und rühren aufgeregt in ihren Tassen.
Ein Blick in die Vergangenheit stimmt also durchaus zuversichtlich. Es wird wohl auch in Zukunft noch Bier getrunken werden; mehr als 5000 Jahre Tradition geben genug Anlass zur Hoffnung. Für total angesagte Modegetränke à la Mandel-Chai-Latte oder Hugo stehen die Prognosen hingegen schlechter. Die romantische Liebe ist ebenfalls hart im Nehmen, wie sie in den letzten 250 Jahren gezeigt hat. Und auch in zwanzig Jahren wird man wohl noch Bertolucci-Filme aus den Siebzigern anschauen, während man sich schon jetzt dafür schämen darf, einst eine Knopfbatterie mit Plasticgehäuse, genannt Tamagotchi, gefüttert zu haben.


Fazit: Craft-Bier saufende Hipster haben einen Hang zur Disruption.