Mittwoch, 20. April 2016

Bonner General-Anzeiger: Trinkrituale bei jungen Leuten bereiten Sorgen

Entgegen dem landesweiten Trend landeten 2014 in Bonn mehr Jugendliche wegen Alkoholmissbrauchs im Krankenhaus.

„Es sind weniger die absoluten Zahlen, die uns Sorgen machen, als vielmehr die immer stärker um sich greifenden Trinkrituale“, erläutert Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Achim Schaefer. Der Bereichsleiter für Integration und Rehabilitation bei der ambulanten Suchthilfe von Caritas und Diakonischem Werk sieht im sogenannten Komasaufen das größte Problem im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen. 2014 wurden in Bonn nach Daten des Statistischen Landesamts NRW insgesamt 98 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 20 Jahre wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt – 36,1 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Damit steht die Bundesstadt eigentlich gegen den Trend: In Nordrhein-Westfalen sank die Zahl um 2,8 Prozent.
„Erschreckend ist vor allem, dass sich die Zahl der Mädchen, die wegen einer Alkoholvergiftung behandelt werden mussten, dramatisch erhöht hat. Sie stieg um 73,1 Prozent von 26 auf 45, während es bei den Jungen ’nur’ eine Steigerung von 36,1 Prozent gab“, sagt Michael Lobscheid von der Krankenkasse IKK classic. Und man dürfe dabei nicht vergessen, das dies nur die Spitze des Eisbergs sei. Bei Weitem nicht alle Kinder und Jugendlichen mit einem Vollrausch landeten auch im Krankenhaus, die Dunkelziffer sei entsprechend hoch.
Warum die Zahlen in Bonn gestiegen sind, vermag man auch die Stadt nicht zu sagen: Aus einer Statistik der Fachstelle für Suchtprävention geht lediglich hervor, dass von den dort beratenen Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Alkohol als Hauptsuchttypus mit 17 Prozent an der Spitze lag. Dabei hält Bonn mit dem Event Sprinter sowie den Aktionen „HaLT“ (Hart am Limit) und „MOVE“ (MOtivierende KurzinterVEntion) gleich drei Programme zur Prävention vor.
Der Event Sprinter ist ein präventiv ausgerichtetes mobiles Angebot bei dem jugendliche Risikokonsumenten auf großen Events angesprochen werden. HaLT richtet sich meist schon im Krankenhaus an Kinder und Jugendliche nach einer stationären Alkoholentgiftung und MOVE ist eine Fortbildung für die Kontaktpersonen.

Komasaufen auf hohem Niveau stabil

„Das Komasaufen beobachten wir seit gut zehn Jahren: Der Trend begann 2005 mit 52 Fällen und erreichte 2011 den Höchststand mit 108 Krankenhauseinweisungen“, weiß Schaefer. Seither sei die Situation auf hohem Niveau stabil. „Für viele Jugendliche gehört Alkohol einfach immer noch zum Feiern dazu, sie haben keine Erfahrung im Umgang mit der Alltagsdroge.“ Außerdem seien alkoholische Mixgetränke immer noch sehr beliebt, bei denen man den Alkohol nicht schmecke, deren Wirkung aber sehr schnell einsetze.
Es gibt aber auch Positives zu vermelden: „Wir haben alles in allem Kontakt zu 23 000 Jugendlichen, und der tatsächliche Alkoholkonsum ist insgesamt deutlich rückläufig“, erläutert Schaefer. Das untermauert auch eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Jugendliche sind heute im Schnitt 14,8 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Glas Alkohol trinken. 2004 lag das Durchschnittsalter beim ersten Mal noch bei 14,1 Jahren. Und: 33 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren haben noch nie Alkohol getrunken. Im Jahr 2001 waren es lediglich 13 Prozent.
Die Arbeit von engagierten Sozialarbeitern wie Schaefer trägt darüber hinaus ebenfalls Früchte: „Die Betreuung nach schweren Intoxikationen ist schamhaft besetzt“, äußert er sich zu den Prognosen von Jugendlichen, die zum ersten Mal wegen Alkoholmissbrauchs im Krankenhaus gelandet sind. „Daher können wir die meisten nach einer akuten lebensbedrohliche Situation gut auffangen.“ Die Erfahrung lehre in der Regel, dass sie sich intensiv mit ihrem Verhalten auseinandersetzten und nur ein kleiner Prozentsatz weiter begleitet werden müsse. „Das sind vielfach jene, die glauben, ihre häuslichen, sozialen oder schulischen Probleme anders nicht in den Griff zu bekommen.“


Fazit: Der Saufexzess ist ein Initiationsritual.