Dienstag, 22. März 2016

Neue Zürcher Zeitung: Trinken in England: Der Briten liebstes Laster

Aus der britischen Lebenskultur ist der Pub nicht wegzudenken. Wie wichtig hier Bier und Wein sind, zeigen schon die vielen Wörter, die das Englische für verschiedene Stadien der Trunkenheit kennt.

Meine Kaffeetasse trägt den Slogan «My Booze Hell». Die Hölle meines Suffs. Fett wie die Schlagzeile auf einer der englischen Groschenzeitungen ist der Aufdruck. In den Tabloids wie der «Sun» legen die Berühmtheiten des Tages auf den Titelblättern gern ihre Beichten ab. Über die Hölle ihrer Drogensucht zum Beispiel, fehlgeschlagene Beziehungen oder eben über ihren Alkoholismus. Ich kaufte die Tasse vor ein paar Jahren im Museumsshop, eigentlich in der Absicht, sie zu verschenken. Dann war ich nicht sicher, wie ein solches Geschenk ankommen würde und habe sie lieber selbst behalten. Denn die Freuden und Leiden des Zuvieltrinkens sind in Grossbritannien zu geläufig und manchmal zu real, um damit Spässe zu machen. Zwar hat sich die Lust auf Alkohol angeblich in den letzten Jahrzehnten gemildert, doch werden die Weingläser in den Pubs – Rotweinkelche für den grossen Durst – immer noch gern bis zum Rand gefüllt. Speziell unter Journalisten waren sogenannte «boozy lunches» einst sehr populär. Man soff sich beim Mittagessen und Schwadronieren im Restaurant gediegen in den Nachmittag hinein. Auch die Kantine der BBC, so erzählen ältere Kollegen, sei eine Art Aussenstelle des Pubs gewesen – und ausgesprochen inspirierend. Dagegen gehe es dort heute sehr nüchtern zu. So berühmt war der Fall eines trinkenden Helden aus der Zeitungswelt, Jeffrey Bernard, dass Keith Waterhouse ihm ein erfolgreiches Theaterstück widmete. Der seinerzeit ebenfalls als kapitaler Säufer bekannte Schauspieler Peter O'Toole spielte ihn im als Kulisse nachgebauten Pub «Coach & Horses» in Soho. O'Tooles Modus in der Rolle war der des geistreich-eleganten Lallens. Auch das muss man erst einmal können. Wann immer der echte Bernard so über die Stränge geschlagen hatte, dass gar nichts mehr ging, wurde der Ausfall seiner Kolumne mit den Worten «Jeffrey Bernard Is Unwell» – so auch der Stücktitel – in der Zeitung markiert. Wie wichtig das Trinken ist, merkt man schon an der Anzahl der Wörter, die es im Englischen für die verschiedenen Stadien alkoholischer Rauschzustände gibt: von tipsy, squiffy und tiddly (beschwipst) über intoxicated, inebriated und drunk (mittelmässig betrunken) bis hin zu den ernsten Stadien von being hammered, sloshed, blind drunk, dead drunk und blotto (sturzbesoffen). Um nur einige zu nennen. Die meisten von ihnen stammen aus den mittleren Regionen der Umgangssprache, vulgärsprachlich gibt es noch viele mehr (to get shitfaced ist eine gern genutzte Formulierung; beastly drunk klingt etwas vornehmer). Über das Trinken und seine Folgen lässt sich trefflich scherzen. Anekdoten über die Eskapaden berühmter Trinker wie George Best und Richard Burton kursieren in England, Schottland, Wales und Irland zuhauf. Das Saufen gehört nicht nur zur Folklore, es gibt so etwas wie eine Kultur der Trinker-Romantik. Darin schwingt – das potenziell Gefährliche verharmlosend – auch der britische Geist der Rebellion, des Unangepasstseins, der Exzentrik mit. Vielleicht fragt manchmal deshalb auch, wer eine Runde ausgibt: «What's your poison?» Jedem sein Gift. Ein traditioneller Mittelpunkt der Kultur alkoholischen Ausschweifens war in London seit je das Stadtviertel Soho, dessen schöne Dekadenz schon bald Luxusüberbauungen wird weichen müssen. Und obwohl es gebessert haben soll mit dem Trinken in Grossbritannien, der Insel der Höflichkeit und des Witzes, sind taumelnde und sich übergebende Menschen an den Abenden des Wochenendes in Soho und anderswo immer noch ein vertrauter Anblick. Meine «Booze Hell»-Tasse enthält übrigens meistens Kaffee, am Morgen danach. 


Fazit: Hammered und shitfaced verweisen nicht morwendigerweise auf Sex.


Zum Feuilleton der NZZ