Freitag, 22. April 2016

WirtschaftsWoche: Suchtforscher Gerhard Bühringer: "Alkohol darf keine Funktionen erfüllen"

Wer ist besonders gefährdet für Rauschtrinken?
Da gibt es zahlreiche Faktoren – und die spielen wiederum in der Prävention eine Rolle. Ein Bereich von Faktoren sind personenbezogen, zum Beispiel genetische Faktoren. Es gibt Leute, die einfach mehr Alkohol vertragen. Dadurch brauchen sie länger, bis sie eine Wirkung spüren, sie können also viel trinken, bis sie etwas merken. Das erhöht das Risiko einer Abhängigkeit.
Zudem gibt es körpereigene Belohnungssysteme, die zum Beispiel auch durch Schokolade oder Shoppingtouren aktiviert werden. Das bringt uns Glücksgefühle. Es gibt aber Menschen, die ein angeborenes Defizit in unseren Belohnungssystemen haben. Die Suchtforschung nimmt an, dass Vieltrinken und das Rauscherleben durch Alkohol oder andere Substanzen für diese Personen einen besonderen Reiz haben, weil es den körpereigenen Mangel kompensiert. Dadurch sind sie besonders gefährdet für Suchtverhalten.
Was sind die anderen Faktoren?
Da gibt es zahlreiche Faktoren, die wir beeinflussen und bei denen wir in der Prävention ansetzen können. So sind etwa impulsive Persönlichkeiten, die erst handeln und dann nachdenken, besonders gefährdet. Auch geringe Bildung, viel Taschengeld als Jugendlicher, Verhaltensstörungen wie ADHS oder der Wunsch, persönliche Probleme Verdrängen zu wollen, erhöhen das Risiko für riskanten Alkoholgenuss.
Wird die Situation immer schlimmer?
Der Gesamtkonsum von Alkohol in Deutschland geht zurück, auch bei Jugendlichen. Aber es gibt Teilgruppen, in denen der Alkoholkonsum zunimmt. Zum Beispiel hat das Binge-Drinking bei Jugendlichen zugenommen, also das Trinken mit dem festen Vorsatz, zu viel zu trinken und sich einen Rausch zu verschaffen.
Was macht das Binge-Drinking gerade für Jugendliche so gefährlich?
Alkohol ist ein Zellgift. Es gibt keinen risikolosen Konsum von Alkohol – nur risikoarmen. Und diese Menge ist extrem niedrig: Sie liegt bei 25 Gramm pro Tag für gesunde, erwachsene Männer und 15 Gramm für Frauen. Das entspricht für Männer ungefähr 0,6 Litern Bier und bei Frauen entsprechend deutlich weniger.
Für Jugendliche birgt das Rauschtrinken die besondere Gefahr, dass Alkohol statt Genuss bestimmte Funktionen erfüllt. Er wird nicht getrunken, weil er lecker ist, sondern zum Beispiel, um auf einer Party nicht mehr so schüchtern zu sein, um in einer Gruppe dazu zu gehören oder angeben zu können, um gegen die Eltern zu rebellieren und dergleichen mehr. Wenn ich es als junger Erwachsener nicht unter Kontrolle bekomme, dass diese Funktionen wegfallen und der Genuss im Vordergrund steht, dann gibt es Probleme.
Wie schafft man es, dass möglichst viele Personen risikoarm konsumieren?
Da ist eine Mischung aus Aufklärung, also Verständnis wecken, aber auch Verbote und deren Kontrollen nötig.
Der Volkswirtschaft entstehen erhebliche Kosten durch Alkoholmissbrauch. Zuletzt wurden sie 2007 auf rund 27 Milliarden Euro geschätzt. Woran liegt es, dass Verbotsversuche immer wieder scheitern?
Prohibition, also ein vollständiges Verbot, war in den USA und Skandinavien ein Thema. Ein Problem dabei: Menschen zeigen bei vollständigen Verboten, die sie nicht einsehen, stets Ausweichverhalten. Sie suchen sich also einfach andere, oft auch illegale Wege. Das führt zu mehr Kriminalität und fördert mafiöse Strukturen.
Allerdings ist es notwendig den Gesamtkonsum zu reduzieren. Denn: Je höher der Konsum, desto höher die Gesundheitsbelastung der Bevölkerung. Deutschland hat einen der höchsten Werte in Europa. Außerdem sollte der Konsum in kritischen Situationen wie im Straßenverkehr oder bei „alkoholaffinen Sportarten“, zum Beispiel Skifahren, reduziert werden. Allerdings ist es schwierig, solche Gesetze durchzusetzen.
Woran liegt's?
Da spielt zum einen die mächtige Alkohol-Wirtschaft eine entscheidende Rolle. Dazu zählen nicht nur die große Industrie und die starke Lobby. Die extrem kleinteilige Wirtschaft tut ihr Übriges. Es gibt unzählige kleine Weinbauern und kleine Bierbrauer. Kontrollen sind in so einem System nur schwer durchzusetzen. Dadurch scheitern viele Maßnahmen zur Prävention.
Außerdem ist der gesellschaftliche Druck beim Alkohol nicht so hoch. Nehmen wir das Beispiel Nichtraucherschutz: Die Schädigung Dritter durch Passivrauchen ist offensichtlich, hier konnte der Staat erfolgreich eingreifen. Beim Alkoholkonsum gibt es genauso eine Gefährdung und Schädigung Dritter, etwa durch Unfälle im Straßenverkehr oder durch Betrunkene auf der Skipiste. Sie ist aber nicht so leicht ersichtlich. Der Staat tut sich deshalb mit seiner Schutzaufgabe sehr schwer. Es fehlt ein gesellschaftlicher Konsens, dass die Mehrheit der Bevölkerung zugunsten des Schutzes einer Minderheit ihren Freiheitsspielraum einschränkt.


Fazit: Trink dir einen, wenn du ein Defizit in deinem Belohnungssystem hast.