Montag, 4. April 2016

Welt am Sonntag: Uriger Typ mit einzigartigem Charakter: Neben dem weltbekannten Weißen Riesling fristet der Schwarzriesling ein Schattendasein. Völlig zu Unrecht

Man kennt das aus der Schule. Hat man einen Namen erst mal weg, weil man durch abstehende Ohren oder unförmige Brillengläser auffällt, ist man festgelegt für immer. Auch wenn man später beim Chirugen war oder hat die Sehschwächecsich schon längst weglasern lassen. Beim Schwarzriesling ist es ähnlich. Der Begriff hat sich einfach eingebürgert in Deutschland, selbst wenn er regelmäßig zu Missverständnissen führt. Mit dem berühmten Weißen Rieslng hat der Schwarze nämlich nichts zu tun; doch weil er in Wuchs und Form durchauscan den “echten“ Riesling erinnert, setzte sich der Name durch.

Manchmal teden die Winzer auch von der Müllerrebe oder, wenn sie sich auf Französisch verständigen, vom Pinot Meunier. Kein aus der Luft gegriffenes Wort, denn die haarige Unterseite der Blätter wirkt wie mit Mehl bestäubt, erinnert an die Backstube.

Ob das Glas halb voll oder halb leer ist, kann man beim Schwarzriesling lange diskutieren. Trotz des Namenswirrwars hat sich die Sorte, die als Urahn der Burgunderfamilie gilt, nämlich fest etabliert in Deutschland, wurde geschätzt, weil sie wenig Ansprüche an die Lage stellt und sehr winterfest ist. Ihr Vorkommen in sehr alten Mischsätzen bezeugt, dass man schon vor Jahrhunderten um die Vorzüge des Schwarzrieslings wusste.

Die zwei Prozent der deutschen Rebfläche, die er heute einnimmt, klingen zwar nicht nach viel, doch nur vier rote Sorten liegen in der Statistik vor ihm. Von einem Boom zu sprechen, wäre zwar allzu optimistisch, doch eine Gefahr des Aussterbens droht ebenfalls nicht. Nur die Sache mit der Vermarktung wird immer eine Herausforderung bleiben. Von selbst läuft wenig, über den Namen kann man kaum punkten, schon gar nicht im Export. Folglich bleiben nur zwei Möglichkeiten: Kunden gewinnt man über die Qualität des Weines oder das Renommee des Erzeugers.

Am besten über beides, wie es badische Spezialisten wie Thomas Seeger machen. Der Leimener Winzer baut kraftvolle Schwarzrieslinge aus, die gleichzeitig Finesse mitbringen und mehrfach den Deutschen Rotweinpreis gewannen. Was selbstverständlich nicht heiüt, dass am Anfang alles einfach gewesen wäre. Wäre Seeger kein Dickkopf gewesen, hätte er sich gar nicht an die Spezialität herangetraut, damals, in den Achtzigern. Man riet ihm ab, als er pflanzen wollte, erklärte das Vorhaben zunächst gar für unzulässig. Schwarzriesling in Baden? Unerhört! Doch Seeger setzte sich durxh und über alle Einwände hinweg. Auch über die Tatsache, dass eben nicht alles Gold ist, was glänzt.

Die hauchdünne Beerenhaut sei für Bienen und Wespen leicht zu knacken, weiß der Winzer. Auch Niederschläge seien nicht unproblematisch, führten sehr schnell zu Fäulnis. “Vom Wuchs her geht es in alle Richtungen“, seufzt Thomas Seeger, “nur nicht nach oben in den Drahtrahmen“. Jeder eonzelne Trieb müsse per Hand eingestecktwerden ins Gerüst. Und dennoch: Für den Leimener lohntvsich die Mühe, denn der Charakter des Schwarzrieslings ist unvergleichlich. Mache man alles richtig, halbiere die Traube sogar und schneide im Sommer die überzähligen Trauben auf den Boden, erhalte man “einen tollen Wein, der in Blindproben auch sehr gute Spätburgunder“ schlage.

Verliebt in die typische, erdig-fruchtige Würze sind auch Württemberger Kollegen wie das Weingut Zimmerle. Schwatzriesling ist in diesem Anbaugebiet fast schon selbstverständlich, hat sich seinen Platz neben Lemberger, Spätburgunder und Trollinger bewahren können. Außer den Rotweinen in mehr oder weniger kraftvoller Art bauen die Württemberger auch himbeerfarbene Rosé-Schwarzrieslinge aus, präsentieren gerne hellen Blanc de Noirs, punkten sogar mit roten Süßweinen. Apropos: Konrad Schlör, noch so einer der Schwarzriesling-Experten Deutschlands, hat in Baden sogar schon eine faszinierende Beerenauslese fabriziert.

Mit Ausnahme solcher und anderer Spitzenweine kosten die deutschen Müllerrebe-Abfüllungen aber nicht die Wrlt, nur wenige Winzer hängen ihre Bemühungen an die große Glocke. Vergleichsweise günstig sind auch Sekte, die im Zusammenspiel mit anderen Sorten aus dem Schwarzriesling entstehen.

Heide-Rose und Volker Raumland, Deutschlands bekannteste Sektmacher, haben sich in der Champagne umgeschaut und das dortige Prinzip für zukunftsträchtig befunden. In Reims und Epernay mischen viele Produzenten schließlich seit eh und je Pinot Noir, Chardonay und Pinot Meunier zu ausdrucksstarken Schaumweinen, in Deutschland funktioniert die Sache auch. Und dass auf den Etiketten dieser prickelnden Spezialitäten nicht mehr Schwarzriesling steht, sondern ein Fantasiename, ist angesichts de fast schon programmierten Missverständnisse rund um den Sortennamen keine schlechte Entscheidung.


Fazit: Auch schwarze Schafe wollen getrunken werden.