Montag, 4. April 2016

Thüringische Landeszeitung: Bildung schützt vor Krankheit und vor einem frühem Tod

Was die heutigen Sterbedaten über die Sozialstruktur und Lebenserwartung in den verschiedenen Regionen Thüringens aussagen

Warum macht es einen so großen Unterschied bei der Lebenserwartung, ob jemand in Eisenach, Suhl, Jena, Weimar oder Erfurt lebt? Die jüngst bekannt gewordenen Zahlen haben viele Fragen aufgeworfen bei den Thüringern. Hier einige Antworten.
Zunächst geht es um die Relevanz der Studie. Wichtig zu wissen ist: Es sind keine einfach mal so, irgendwie zusammengerechneten Zahlen zur Lebenserwartung von Neugeborenen in Thüringen, die sich beim Bundes­institut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) finden. Es sind keine Daten wie jene, die private Institute gerne mal ­irgendwie zusammenstellen, um damit schnelle Schlagzeilen zu provozieren.

Die Unterschiede können von Stadtteil zu Stadtteil sehr groß sein
Auch, wenn es sich ein bisschen so lesen mag, denn die Zahlen sind durchaus erstaunlich: Ein 2011, 2012 oder 2013 geborener Menschen soll im Durchschnitt bis zu etwa vier Jahre länger leben, nur weil er in einer Region geboren worden ist, die ein paar Dutzend Kilometer Luftlinie von einer anderen Region entfernt liegt? Ja, das klingt tatsächlich fast schon abstrus...
Aber das, was das BBSR da zusammengetragen und vorausberechnet hat, ist nach einem im Detail zwar ziemlich komplexen, aber eben doch international anerkannten Verfahren ermittelt worden (siehe Zur Sache ). Das Verfahren geht auf einen britischen Forscher zurück: auf William Farr. Der lebte von 1807 bis 1883 erreicht also selbst ein für seine Lebzeiten relativ hohes Alter und gilt als einer der Pioniere der Epidemiologie; jener Wissenschaft also, die sich mit der Verteilung von Bevölkerungen beschäftigt, und damit, welchen Einfluss zum Beispiel Seuchen, aber auch andere Umwelteinflüsse darauf haben. Der in England lebende Mediziner beobachtete in den 1840er Jahren beispielsweise, dass selbst innerhalb des Stadtgebiets von London Menschen ziemlich unterschiedliche Lebenserwartungen hatten.

 Armut macht nicht nur krank. Wer arm ist, stirbt auch früher
Und auch wenn nicht jeder seiner ursprünglichen Erklärungsansätze für dieses Phänomen zutreffend war: Schließlich gelang es Farr mit Hilfe von Statistiken nachzuweisen, dass es neben biologischen Umwelteinflüssen wie Krankheitserregern auch noch andere Arten von Umwelteinflüssen gibt, die den Tod von Menschen maßgeblich beeinflussen. Dazu zählen soziale Ursachen. Für seine Zeit war das eine ziemlich wegweisende Erkenntnis.
Soziale Ursachen? Schaut man sich die heutigen Thüringer Zahlen zur Lebenserwartung von jüngst Geborenen an, dann kommt man kaum umhin, der Vermutung nachzugehen, dass sie es sein dürften, die dazu führen, dass Menschen in einigen Landesteilen eine höhere Lebenserwartung haben als in anderen Landesteilen; was übrigens mehr ist als ein statistischer Effekt. Dafür sind die Unterschiede in Jahren einfach zu groß. Wichtig dabei ist, zu verstehen, dass sozial in diesem Zusammenhang viel mehr meint als mehr oder weniger Geld .
Denn einerseits verweist das Thüringer Gesundheitsministerium sicher völlig zu recht auf Forschungen aus den vergangenen Jahren, die gezeigt haben, dass arme Menschen häufig nicht nur einen schlechteren Zugang zur medizinischen Versorgung haben, wenn sie einmal krank sind, sondern dass sie eben auch eher krank werden. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums bringt das prägnant auf den Punkt: Armut macht nicht nur krank. Wer arm ist, stirbt auch früher , sagt er. Das hat in dieser Deutlichkeit erstmals der Gesundheitsbericht aus dem Jahr 2014 offengelegt. Dann legt er noch einige Zahlen nach: Wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens in Deutschland verfüge, der habe ein fast dreifach erhöhtes Sterberisiko. Konkret entscheidet ein Einkommensunterschied von monatlich 1300 Euro netto über zehn Lebensjahre.
Allerdings zeigen Daten zur Einkommens- und Vermögensverteilung in Thüringen, dass die Regionen mit einer relativ niedrigen Lebenserwartung für die dort Geborenen nicht die Armenhäuser des Landes sind. Nach Angaben des Thüringer Online-Sozialstrukturatlas beispielsweise gehören Arbeitnehmer, die in Suhl und Eisenach beschäftigt sind, im Thüringenvergleich zu den Besserverdienenden; auch wenn ihnen das angesichts der insgesamt niedrigen Löhne im Land wie Hohn vorkommen muss.
Und beim Blick auf das Privatvermögen der Thüringer Haushalte also ein Blick, der neben Arbeitnehmern unter anderem auch Rentner mit einschließt stellt sich sogar heraus: In keiner anderen Kommune können die Einwohner über so viel Geld pro Haushalt verfügen wie in Suhl oder Sonneberg. Die kreisfreie Stadt beziehungsweise der Landkreis im Süden des Freistaates lagen nach den jüngsten verfügbaren Angaben für das Jahr 2013 mit Werten von etwa 20 300 Euro beziehungsweise 18 200 Euro jährlich deutlich vor zum Beispiel Jena mit etwa 17 000 Euro oder Weimar mit etwa 15 600 Euro. Geld alleine macht deshalb offenbar bestimmt noch nicht alt. Auch wenn es dem Leben sicher nicht schadet. Eine möglichst hohe Bildung scheint ebenfalls maßgeblich mitverantwortlich dafür zu sein, dass manche Menschen älter werden als andere. Wobei freilich auch ein Zusammenhang zwischen hoher Bildung und einem hohen Einkommen besteht, der aber eben offenbar kein einfacher, direkter, linearer ist. Ein Facharbeiter, der für einen großen Konzern Autos am Band fertigt, wird mehr verdienen als ein promovierter Religionswissenschaftler, der sich seit Jahren mit Zeitverträgen an Universitäten durchschlägt. Höher gebildet ist trotzdem der Religionswissenschaftler.
Dass eine hohe Bildung hilft, alt zu werden, dafür jedenfalls finden sich zahlreiche Indizien, bringt man die Zahlen des BBSR mit anderen Daten zum Leben in Thüringen zusammen. Ein Umstand, der durchaus Sätze stützt, die der Sprecher des Gesundheitsministeriums auch sagt, nachdem er über den Zusammenhang zwischen Geld und Alter gesprochen hat: Bildung schützt vor Krankheit und vor einem frühem Tod.

Ergebnisse aus Skandinavien sprechen eine deutliche Sprache
Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung habe das 2015 erst nachgewiesen, sagt der Sprecher. Die Forscher hätten sich dazu die Bevölkerungsentwicklung in Skandinavien angeschaut. Ergebnis: Finnen, Norweger und Schweden, die zur gesellschaftlichen Elite gehörten, gut gebildet und verheiratet seien, lebten im Durchschnitt fünf Jahre länger.
Die Thüringer Indizien für den Zusammenhang zwischen Bildung und Alter sehen zum Beispiel so aus: In den Regionen, in denen die Lebenserwartung eines 2011, 2012 oder 2013 geborenen Kindes besonders hoch ist, haben zuletzt besonders viele Kinder Abitur gemacht. Da, wo die Lebenserwartung gering ist, besuchen oft nur wenige Menschen die Schule so lange, bis sie eine Hochschulzugangsberechtigung erlangt haben. In Suhl sowie den Landkreisen Kyffhäuser und Sömmerda beispielsweise legte nach Angaben des Thüringer Online-Sozialstrukturatlas 2014 nur etwa jeder vierte Schulabgänger ein Abitur ab. Im Landkreis Sonneberg war es etwa jeder Dritte. In Eisenach waren es etwa 41 Prozent. In Jena dagegen lag die Abiturientenquote bei mehr als 56 Prozent, in Weimar bei etwa 47 Prozent.

In den Regionen Jena und Weimar sind weniger kleine Kinder adipös
Zudem ist in den Bildungsstädten Jena oder Weimar auch die Zahl der adipösen Kinder niedriger als zum Beispiel in Suhl, Eisenach, dem Kyffhäuserkreis was seit langem Kindern unter anderem aus Jena oder Weimar ohne Frage zuträglich ist. Bei den Einschulungsuntersuchungen 2013 galten in Jena ausweislich des Thüringer Online-Sozialstrukturatlas 1,8 Prozent der untersuchten jungen Menschen als adipös. In Weimar waren es 3,9 Prozent, im Saale-Holzland-Kreis 4,4 Prozent und im Eichsfeld 5,3 Prozent. In Suhl, Eisenach sowie den Landkreisen Sonneberg und Kyffhäuser dagegen lagen die Vergleichswerte bei 4,7 Prozent, 3,2 Prozent, 5,8 Prozent und 7,5 Prozent.
Freilich wird an dieser Stelle im Vergleich dieser Angaben offensichtlich, dass es beim Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheit beziehungsweise erreichbarem Alter keine einfachen Antworten gibt zum Beispiel, weil ja im Eichsfeld mit seiner recht hohen Lebenserwartung zuletzt mehr Kinder adipös waren als in Suhl oder Eisenach, wo die Lebenserwartung darunter liegt. Ebenso wie die einfache Formel viel Geld gleich langes Leben für sie genommen zu kurz greift, ist es bei der Formel hohe Bildung gleich gesund gleich langes Leben .
Aber es gibt Wechselbeziehungen zwischen alledem. Ein Sprecher der Krankenkasse Barmer GEK Thüringen fasst dieses Gesamtgefüge der Abhängigkeiten treffend zusammen, wenn er sagt: Es ist wohl wie das wahre Leben: kompliziert! Welchen Job jemand habe, sei für die Lebenserwartung im Einzelfall nämlich nach Einschätzung der Kasse ebenfalls ein entscheidender Einflussfaktor. Wie auch die persönliche Lebensführung: Rauchen, Alkohol, Sport... Dann schiebt der Sprecher nach, man müsse das Bündel dieser Ursache im Blick haben, um etwas über den Gesundheitszustand von Menschen aussagen zu können. Und für diesen etwas zu tun. Es reicht nicht, nur an einzelnen Stellschrauben zu drehen.
Dass es diese komplexe Antwort auf die Frage nach den Ursachen für die unterschiedliche Lebenserwartung besonders kompliziert macht, etwas für die Gesundheit der Menschen zu tun und damit auch ihre Lebenserwartung zu verbessern, das kann man sich erstens denken. Zweitens kann man auch das an Zahlen ablesen. Besonders gut daran, wie sich die Lebenserwartung der Thüringer in den vergangenen Jahren verändert hat. Auch das hat das BBSR zusammengestellt.

Plus 5,2 Jahre: Das Phänomen der Eisenacher Frauen
Mit einem Ergebnis, das in einem Punkt überrascht: Danach nämlich ist die Lage für Menschen in Suhl, Eisenach und dem Kyffhäuserkreis nicht nur bei der absoluten Lebenserwartung schlechter als anderswo im Freistaat. Auch hat dort die Lebenserwartung seit den 1990er Jahren so wenig wie nirgends sonst in Thüringen zugenommen: In Suhl bei den Männern um nur 2,1 Jahre bis zum Anfang der 2010er-Jahre; im Kyffhäuserkreis um nur 3,8 Jahre und in Eisenach um nur 3,9 Jahre. In Jena hat es im gleichen Zeitraum ein Plus von 5,8 Jahren, im Saale-Holzland-Kreis sogar von 7,4 Jahren gegeben.
Aber, die Überraschung, weil es so schön kompliziert ist zu leben: Die Eisenacher Frauen haben ihre Lebenserwartung im gleichen Zeitraum so stark steigern können wie weibliche Menschen in keinem anderen Kreis des Landes: um 5,2 Jahre; in Suhl liegt der Vergleichswert nur bei 1,5 Jahren, im Kyffhäuserkreis bei 2,7 Jahren. Wem Thüringen als Gebiet zum Nachdenken über Leben und Länger-Leben noch immer zu groß ist, der kann deshalb auch im noch kleineren, Eisenacher Maßstab darüber nachdenken. Der darf sich fragen, was die Eisenacher Frauen seit der Wende so viel besser gemacht haben als die Eisenacher Männer...


Fazit: Akademiker saufen auch.