Sonntag, 3. April 2016

Neue Westfälische: Einblicke in die Seele eines Täters

Lesung: Autor Heinz Strunk legt mit seinem neuen Roman eine grotesk-gruselige Charakterstudie vor. Sein Publikum im ausverkauften Forum entführte er in grenzwertige Erlebniswelten


"Jeder Mensch hat seinen Zerreißpunkt" , schreibt Heinz Strunk in seinem Roman " Der goldene Handschuh" , den er im ausverkauften Forum vorstellte.

Nachdem seine ersten Werke autobiografische Züge hatten, widmet der vielseitige Entertainer sich nun einem Leben, das der deutschen Gesellschaft in den 70er Jahren das Schaudern lehrte: Fritz Honka, bekannt als " Der Frauenmörder von St. Pauli" , hatte vier ältere Gelegenheitsprostituierte umgebracht und ihre zerstückelten Leichen in seiner Wohnung aufbewahrt.

Medien neigen in solchen Fällen dazu, den Täter als Bestie darzustellen -  so ist es leicht, den Kopf zu schütteln über die " schwere seelische Abartigkeit" , die ein Gerichtsgutachten Honka damals attestierte. Strunk macht es den Zuhörenden an diesem Abend nicht so leicht. Das biedere Auftreten, die altmodische Brille stehen in krassem Gegensatz zu den grenzwertigen Erlebniswelten, in die er sein Publikum wenig später entführt.

Die morbiden Bilder eines Gottfried Benn mischt Strunk ordentlich auf, indem er all seine Gestalten noch hoffnungslos verdorbener durchs Leben wanken lässt. In einer Hamburger Hafenkaschemme lassen sie sich volllaufen, bis der letzte Zipfel Anstand vom Alkohol ertränkt ist. Dann hat die rabiate Notgeilheit freies Spiel -  wer dann als Frau am Tresen aufschlägt, muss sich nicht wundern, wenn einer wie Honka sie in seine stinkende, dreckverkrustete Wohnung mitnimmt, um sie weiter mit Fanta-Korn abzufüllen und sich dann über sie herzumachen.

Wenige Tage später legt er ihr einen Vertrag vor, in dem sie ihm ihren freien Willen abtritt und verspricht, ihm ihre in einer Fleischerei arbeitende Tochter " zuzuführen" . In schlüpfrigen Fantasien sieht er bereits, wie diese Tochter von ihrer Mutter vor seinen gierigen Blicken mit Preisschildern ausgezeichnet und wie ihm ein Probierscheibchen von ihrem Gesäß zum Verzehr angeboten wird.

Schmaler Grat zwischen Komik und Tragik

Häufiger an diesem Abend bleibt einem das Lachen im Halse stecken. So irrwitzig und grotesk Strunks Formulierkünste anmuten, so gnadenlos kommt hinter ihnen eine schrecklich triste Welt zum Vorschein, in der es einfach kein Aufatmen gibt: Auch der andere Handlungsstrang des Romans, der in einer vermeintlich noblen Reeder-Familie spielt, erzählt von gänzlich aus dem Ruder gelaufenen männlichen Biografien.

Frauen taugen hier allenfalls als Freiwild für die Bedürfnisbefriedigung. Die Kaschemme ist gewissermaßen Dreh- und Angelpunkt der Entgleisungen. Alle Protagonisten balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik. Würde ist ein Begriff, der in diesem Universum nicht vorkommt.

Honka hat zwar inzwischen eine Stelle als Sicherheitsmann, aber der Anflug von bürgerlicher Existenz schützt ihn nicht vorm Absturz.

Schließlich ist das Establishment, das Strunk im Roman zeichnet, gleichermaßen marode. Eine Szene, in der der Reeder seine Verzweiflung an einer Frau abreagiert, überspringt Strunk gnädig, sie sei zu " unappetitlich" .

Auch so bleibt der Eindruck einer Lesung, die ein provokatives Licht auf Täterbiografien wirft und die Frage im Raum stehen lässt, wie ein Leben gelingen soll, wenn es keine Möglichkeit zu geben scheint, dem Schicksal der Verrohung zu entkommen.


Fazit: Lektüretipp