Donnerstag, 10. März 2016

Neue Zürcher Zeitung: Der Fuchs, der Wolf, das Ungeheuer. Roland Schimmelpfennig, Nis-Momme Stockmann und Heinz Strunk - drei Kandidaten für den Preis der Leipziger Buchmesse

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Der Gewaltverbrecher

Einem realistischeren Erzählprogramm folgt Heinz Strunk in “Der goldene Handschuh“, der einen Krimimalfall aus den frühen 1970er Jahren aufgreift. Damals wurde ganz Deutschland von den zufällig entdeckten Morden des Fritz Honka erschüttert, der seine Opfer sexuell quälte, grausam tötete und die Leichenteile in den Stauräumen seiner Wohnung versteckte. Honka, bei Strunk Fiete genannt, greift die ältere, wohnsitzlosen Frauen in der - bis heute existierenden- St.-Pauli-Kneipe “Zum goldenen Handschuh“ auf, wo sich der soziale Bodensatz bei FaKo, einer Mischung zu gleichen Teilen aus Fanta und Korn, um den verbliebenen Verstand trinkt. Strunk hat den Fall Honka nicht nur in den Gerichts- und Polizeiakten studiert. Mit kaum erträglicher Intensität spiegelt der Roman auch die Gegenwelt der Erniedrigten wider. Strunk verzichtet völlig darauf, den von einer heillosen Sehnsucht nach Normalität und gleichzeitig von Frauenhass erfüllten Serienmörder zu denunzieren. Stattdessen lässt sich der Text auf seine “Vernichtungstrinker“ ein, lässt sie schwadronieren, als habe der Autor Monate mit ihnen verbracht, und schildert das Versiffte ihrer Lebensumstände und ihrer brutalen Taten mit fast protokollarischer Zurückhaltung.

Strunk kontrastriert das Reeperbahn-Milieu mit einer ganz anderen Hamburger Welt, mit der einer Reederdynastie. Wie ihre bestens situierten Anführer degenerieren und mit dem Frauenmörder Fiete am Tresen des “Goldenen Handschuhs“ auf ein anderes Leben warten, das gibt dem Roman Doppelbödigkeit. Wo Roland Schimmelpfennig gesellschaftlich Randständiges zurückhaltend inszeniert und Nis-Momme den Weltuntergang bildstark evoziert, da bleibt Heinz Strunk mit jeder Faser konkret und klar, als seien Fritz Honkas Verbrechen eine selbstverständliche Schlussfolgerung. Es wäre nicht überraschend, wenn er damit den Preis der Leipziger Buchmesse gewönne.

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Heinz Strunk: Der goldene Handschuh. Roman. Rowohlt, Reinbek 2016, 255 S., Fr. 28.90.


Fazit: Lektüretipp.