Freitag, 11. März 2016

Mitteldeutsche Zeitung: Tigerenten-Erfinder wird 85. Kein gutes Janosch-Buch ohne Alkohol

Die eine Seite dieses Autors ist grandios. Mit 48 Jahren veröffentlicht er 1978 das Kinderbuch „Oh, wie schön ist Panama“, schickt einen Tiger und einen Bären in das zentralamerikanische Land, das sie nie erreichen, aber auf dem Weg erleben sie allerlei Abenteuer. Bei Kindern ist das Buch ein Volltreffer. Es wird in 40 Sprachen übersetzt, erreicht die Herzen von Millionen Heranwachsenden. Janosch, der bürgerlich Horst Eckert heißt, hat ein Buch gezeichnet und geschrieben, an dem alles stimmig ist. 1979 erhält er den Deutschen Jugendliteraturpreis, 1993 wird ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Und schließlich reist er selbst nach Panama, wird vom Staatspräsidenten empfangen und mit einem Orden beehrt – für besondere Verdienste um das Land.
Insgesamt hat Janosch aber mehr als 300 Bücher herausgegeben, die meisten davon wurden ebenfalls in andere Sprachen übersetzt. Sie waren durchschnittliche Erfolge, weshalb der populäre Kinderbuchautor immer nur an seinem Volltreffer gemessen wird. Das macht ihn traurig, und das ist die andere Seite dieses Autors. Er gilt als schwieriger Gesprächspartner, er öffnet sich nicht gern und Journalisten, die nach Privatem fragen, mag er gar nicht. Er hat einmal gesagt, dass er „am liebsten unsichtbar wäre“.
Da überrascht es, dass die junge polnische Germanistin Angela Bajorek es schaffte, Janoschs Vertrauen zu gewinnen. Das brauchte fünf Jahre, Hunderte Mails und viele Telefonate mit dem Autor, der zurückgezogen auf Teneriffa lebt. Im Februar ist im Ullstein Verlag die erste Janosch-Biografie erschienen (Angela Bajorek: „Wer fast nichts braucht, hat alles“, 304 Seiten, 22 Euro). Darin äußert sich der Kinderfreund, in Oberschlesien geboren, der Vater Alkoholiker, die Mutter gedemütigt, die Familie bitterarm, erstaunlich freimütig.

Vom Vater geschlagen und vollgekotzt

Nach dem Elend seiner Kindheit, mit Hunger und „Schlägen bis zur Bewusstlosigkeit“, in einer Mini-Wohnung voller Zigarettenrauch und vom Vater „vollgekotzt“, hält er es für ein „ziemliches Wunder“, das er das heil überstanden hat.
Um neun Uhr steigt er aus dem Bett in seinem Haus in den Bergen Teneriffas. Er setzt sich in die Sonne, geht manchmal Angeln, brät die Fische und trinkt zum Essen Wein. „Und dann ist der Tag vorbei.“ Den 85. Geburtstag will er nicht groß feiern, er freut sich aber darüber, „dass ich noch lebe. Das aber tue ich jeden Tag sowieso, also brauche ich gar keinen Geburtstag.“ Auf Kinder reagiere er „mit viel Freude. Ich muss sie immer am Kopf berühren“, erzählte er der Biografin. Er habe aber noch nie Kinder seine Bücher anschauen gesehen, seit 56 Jahren liest er auch nicht mehr vor dem Nachwuchs und ihren Eltern. Janosch will seine Ruhe haben, „immer Hängematte“, witzelte er.

Werke im Rausch verfasst

Seinen Zeichenstil beschreibt er als Kritzelei, eine Botschaft habe er nicht, den „meisten Erwachsenen“ könne man nicht glauben, lehrt er die Kinder. Seine Bücher habe er im Rausch erarbeitet, mit Wodka oder Gin. „Seitdem Alkohol für mich als Betäubung wegfällt, entsteht kein gutes Janosch-Buch mehr.“
Der Jubilar hadert mit der Katholischen Kirche. Er war von den Jesuiten geschult worden, in München studierte er bei dem katholischen Reformer Romano Guardini. „Ich wollte alles wissen, weil ich mich entsetzlich vor Gott und seiner Hölle fürchtete“, erklärte er seiner Biografin. „Jetzt weiß ich fast alles über die Kirchengeschichte und die Absurdität dieser Religion.“ Etwas scheint aber trotz des Grolls doch noch hängengeblieben zu sein: „Da ich ein Sünder und Ketzer bin, wird Gottvater mir noch eine lange Lebenszeit schenken, damit ich wieder in den heiligen Schoß der Kirche zurückkehre.“
Janosch hat vor Jahren alle Rechte an seinen Büchern der Auswertungsfirma Janosch AG zugesprochen, dabei aber nicht aufgepasst. Er habe schon seit langem „keinen Cent mehr“ vom Umsatz seines beliebten Werks erhalten. Aber er sei es ja gewohnt, jeden Tag zu arbeiten und bescheiden zu leben.