Donnerstag, 31. März 2016

jungle world: Don't touch my Kotti

Die Sicherheitsprobleme am Kottbusser Tor sind von den sozialen Veränderungen im Kiez nicht zu trennen. Von einer polizeilichen Befriedung, wie sie sich einige wünschen, würde vor allem die Tourismusbranche profitieren.

In Berlin-Kreuzberg - und weit darüber hinaus - wird gegenwärtig viel diskutiert: “Kippt der Kotti?“ unter dieser Frage wird so allerhand subsumiert. Zuvorderst die Drogenszene sowie eine Reihe von Taschendiebstählen und Überfällen, die auf das Konto von jugendlichen, als “nordafrikanisch“ klassifizierten Männerbanden gehen sollen. “Die Nordafrikaner“ sind auch das neue Feindbild der Bar-, Club- und Restauranttreibenden in der Berliner Partymeile, die sich vom Kottbusser Tor bis zum RAW-Gelände in Friedrichshain erstreckt.

Von diesem Stichwort gibt es eine direkte Verbindung zur Diskussion über die Kölner Silvesternacht. Auch diese mündete schnell in den Ruf nach mehr Polizeipräsenz und in rassistische Tiraden über den Missbrauch “unserer Willkommenskultur“, wo es eigentlich um den gesellschaftlichen Kontext von Armut, Verteilungskämpfe, Gewalt und sexualisierte Belästigung gehen sollte.

Dasselbe passiert in der Debatte um die Gegend um das Kottbusser Tor. Verzweifelt bemühen sich jene um Gehör, die dabei eher an steigende Mieten oder das Überhandnehmen der stetig wachsenden Party- und Tourismusökonomie denken. Deren Profiteure wiederum sehen ihre Umsätze durch Taschendiebstähle und Drogengeschäfte bedroht. Angefeuert wird die Stimmung seit einigen Monaten durch eine Art Kriegsberichterstattung von Boulevard bis Jungle World. Vor zehn Jahren verglich Mark Terkesidis in dieser Zeitung die französische Polizei in den Banlieus noch mit einer Gangsterbande. Heute dienen er und die Jungle World dem Chor derer als Kronzeugen, die ein erhebliches Sicherheitsproblem am Kottbusser Tor sehen und meinen, diesem sei am besten mit mehr Polizei beizukommen.

Angesichts dieser Stimmung fühlen sich mittlerweile auch Menschen bedroht, die sich vorher in der Gegend einigermaßen sicher wähnten und ihren Alltag eher von aggressiven SUV-Fahrern und betrunkenen Partyhorden beeinträchtigt sahen.

Man kann über das Verhältnis von subjektivem Sicherheitsgefühl und tatsächlichem Gefahrenpotential trefflich streiten. Ja, der Kotti ist ein rauhes Pflaster - und das nicht erst seit gestern. Junkies, Dealer, Touristinnen, Kurden, Graue Wölfe, Queers, homophobe Jugendliche, Gewerbetreibende und Aktivistinnen des geräumten Refugee Camp am Oranienplatz teilen sich dieses besondere Fleckchen mit Verkehrschaos und verwinkelten Gassen nicht erst seit den oft bemühten “acht Monaten“, in denen alles viel schlimmer geworden sei. Die extrem heterogene Bevölkerungsstruktur macht gerade Potential und Attraktivität dieses Kiezes aus. Das Zusammenleben nach dem Motto “Leben und leben lassen“ verläuft dabei meistens eher unspektakulär.

Der Kotti ist weder Johannesburg geschweige denn Ciudad Juàrez, noch nicht mal das Raval in Barcelona. Es gibt reale Probleme, aber die sind weder “außer Kontrolle“, noch werden sie durch mehr Polizei gelöst.

Gewalt- und andere Sicherheitsprobleme am Kotti können nicht von sozialen Veränderungen im Kiez getrennt betrachtet werden. Die zunehmende Attraktivität für Touristen hat die Gegend auch für Taschendiebe erst richtig interessant gemacht. Eine polizeiliche Befriedung würde das Viertel auch nicht für alle Menschen attraktiver und sicherer machen, sondern nur für jene, die sich das Szeneleben am Kotti leisten können, oder davon leben, dass andere das tun. Örtliche Gewerbetreibende und deren Kunden werden sich vielleicht sicherer fühlen, jedenfalls solange sie nicht selbst die Kriterien der Berliner Polizei für racial profiling erfüllen. Für Papierlose, Obdachlose und Mittellose würde ein zentraler Ort des Berliner Nahverkehrs, aber auch des sozialen Lebens zur No-Go-Area. Die Junkie-Szene müsste weiterziehen. An steigenden Mieten, einer verfehlten Wohnungsmarktpolitik und der daraus resultierenden Veränderung der Bevölkerungsstruktur wird all das ebenso wenig ändern wie an den Folgen einer boomenden Tourismusökonomie mit all ihren Vor- und Nachteilen.

Wie also sollten sich Linke zur Forderung nach einer verstärkten Polizeipräsenz am Kottbusser Tor verhalten? Sie sollten sie ablehnen. Die Lösungen müssen andere sein, und sie werden angesichts der sozialen Destabilisierung der bisherigen Kiezstruktur, die bereits stattgefunden hat, Zeit brauchen. Eine Hundertschaf Polizei ist schneller am Kotti zu haben als die Legalisierung von Drogen und eine partizipatorische Stadtteilentwicklung. Dem Kotti würde Letzteres wesentlich besser bekommen.


Fazit: Die Droge der Partysäufer ist seit jeher legal.