Mittwoch, 23. März 2016

die tageszeitung: BRAUNES BIER IN DUNKELBAYERN: Vom Ressentiment zur Geschäftsidee



Eine Brauerei verkauft „Grenzzaun Halbe“ für 88 Cent. Auf dem Etikett: Frakturschrift und bayerische Werte. Das wird man doch wohl noch saufen können!

Bier kann ein übles Gesöff sein. Wer schon mal zu viel davon getrunken hat, wird das wissen. Bier kann zum Kotzen sein. Das werden all diejenigen wissen, die sich nach einem bierseligen Abend schon einmal vor einer Kloschüssel kniend in eine eben solche entleeren mussten.
Bier kann auch zum Kotzen sein, bevor man den ersten Schluck getrunken hat. Röhrlbräu aus dem bayerischen Straubing hat dafür gerade den Beweis geliefert. „Grenzzaun Halbe“, das die Brauerei gerade auf den Markt gebracht hat, wird als eines der übelsten Gesöffe in die Kulturgeschichte des deutschen Biers eingehen.
Mit „Grenzzaun Halbe“ ist das Ressentiment zur Geschäftsidee geworden. Man mag sich das Grinsen in den Gesichtern derer, die auf diese Idee gekommen sind, gar nicht vorstellen. Und man mag sich nun wahrlich nicht ausmalen, was derjenige gedacht hat, der für die Grafik des Etiketts zuständig war und dafür gesorgt hat, dass das doppelte Z in der Mitte in dieser gestrigen Frakturschrift ein wenig aussieht wie SS.
Und man kann sich sehr gut vorstellen, wie sie bei Röhrlbrau gelacht haben, als sie die Wörter ausgewählt haben, die das typische Bayern beschreiben sollen. Denn „Heimat braucht Bier“, wie es auf dem Etikett auch heißt. Die gilt es zu beschützen, zu verteidigen und zu bewahren. Auch das steht auf der Flasche. Und wenn es dereinst eine bayerische Heimatschutzarmee geben sollte, die an einem Grenzzaun patrouilliert, niemand wird sich wundern, wenn genau diese drei Wörter auf dem Koppelschloss der Uniform prangen würden.
Trinkfestigkeit, Ehrlichkeit, Volksfestzeit
Und wie sie sich bei Röhrlbräu die bayerische Leitkultur vorstellen, auch das steht auf der Flasche. Toleranz, Trachtengewand, Loyalität, Fleiß und Bescheidenheit. Das wollten sie in Straubing allen Ernstes als bayerisches Lebensgefühl zum großen Geschäft machen. Das große Bier der bayerischen Werte sollte noch einmal klar machen, dass „Hau ab!“ das neue „Willkommen“ ist. Trinkfestigkeit, Ehrlichkeit, Volksfestzeit und am Ende eines bayerischen Lebens eine richtig schöne Bierwampn mit dem Durchmesser eines 200-Liter-Fasses. Wer solche Werte hat, der trinkt auch eine „Grenzzaun Halbe“.
Wer jetzt darauf verweist, dass auf der Flasche ja auch von Toleranz die Rede ist, dem möchte man gewiss nicht wünschen, zum Opfer dieser Art der bayerischen Toleranz zu werden. Denn der Leitsatz dieser bayerischen Bierflaschenverfassung lautet – wie kann es anders sein? – „Mia samma mia“. Und wer nicht mia ist, wird es vielleicht nur werden, wenn er vom bayerischen Innenminister höchstpersönlich zum „wunderbaren Neger“ geadelt wird. „Mia samma mia“ ist der Leitsatz der Abgrenzung. Wer rein will in dieses Mia und am Ende irgendwem nicht passt, der muss aufpassen, dass man ihm keine Patrona Bavariae durch den Kopf jagt.
Himmelangst muss einem da auch deshalb werden, weil da wieder einmal Leute am Werk waren, die felsenfest davon überzeugt sind, dass ihre völkische Heimattümelei einen reaktionären Zeitgeist trifft. Das wird man doch wohl noch saufen können!
Darauf ein gemütliches „Heil Hitler!“
Dass man den halben Liter für genau 88 Cent hat kaufen können, das will bei der Brauerei niemandem aufgefallen sein. Aber darf es einem Brauer wirklich egal sein, wenn irgendwelche Glatzen mit seinen Flaschen zum Prosit auf den Führer anstoßen? Darauf ein gemütliches „Heil Hitler!“ – bei aller gebotenen Toleranz natürlich.
Eine wahrhaft finstere Geschichte gäbe es an dieser Stelle über das dank Seehofer und Konsorten ohnedies nicht gerade gut beleumundete Dunkelbayern zu erzählen, wenn das Bier zur Erfolgsgeschichte geworden wäre. Und auch wenn ein paar besonders dimpfelige Bajuwaren laut feixend mit der braunen Soße angestoßen haben mögen, das Bier war ein Flop. Die Brauerei landete in einem gehörigen Shitstorm. Und aus der Geschäftsidee ist längst eine geschäftsschädigende Idee geworden.
Nachdem das Studentenwerk Niederbayern-Oberpfalz angekündigt hatte, bei Röhrl kein Bier mehr zu ordern, war es aus mit der von der örtlichen AfD so sehr gelobten „Grenzzaun Halbe“. Kleinlaut, aber nicht unbedingt einsichtig, teilte die Brauerei mit: „Wenn man nun unser Produkt in die rechte Ecke stellt, dann kann die einzig richtige Entscheidung nur sein, die Grenzzaun Halbe mit sofortiger Wirkung vom Markt zu nehmen.“
Und so ist in dieser finsteren Geschichte aus der bayerischen Provinz doch auch ein gehöriges Leuchten wahrzunehmen. Am Ende hatte die „Grenzzaun Halbe“ keine Chance. Es ist das andere Bayern, das in dieser Geschichte gewonnen hat. Darauf ein Halbe Bier!


Fazit: Arschloch-Brauer


Zum Bericht der taz