Donnerstag, 28. April 2016

Wiesbadener Kurier: Wenig Alkohol, am liebsten Riesling: KABINETT: Hohes Mostgewicht in heißen Jahren

412 000 Hektoliter Kabinettweine haben deutsche Winzer im Jahr 2014 produziert. Die Menge hat sich seit Jahren in etwa auf diesem Niveau eingependelt, sie war Anfang des Jahrtausends mal deutlich größer. "An der Mosel haben Kabinettweine eine große Tradition", sagt Ernst Büscher, Pressesprecher des Deutschen Weininstituts (DWI) mit Sitz im rheinhessischen Bodenheim. Büscher sieht die leichten Weine im Aufwind, zumal ideal für die deutsche Premiumsorte Riesling. Auch Silvaner und die hellen Burgundersorten werden in den deutschen Anbaugebieten als Kabinettweine ausgebaut.

Entscheidend für die Definition "Kabinett" ist im Weingesetz das Mostgewicht, das den Zuckergehalt der Trauben angibt. Je nach Anbaugebiet liegt das vorgeschriebene Mindestmostgewicht zwischen 72 und 78 Grad Oechsle, also vergleichsweise niedrig. In Zeiten des Klimawandels sind diese Werte nach heißen Sommern schnell erreicht. Es besteht dann eher die Gefahr, dass die Weine zu schwer und alkoholreich werden, "eigentlich müssten die Winzer ihre Kabinettweine früher lesen", meint Büscher. Häufig werden dann Weine, die eigentlich nach Mostgewicht schon Spätlesen sind, zu Kabinettweinen abgestuft. "Unter 80 Grad Oechsle wird eigentlich kein Wein gelesen", sagt Büscher. Als 1971 das neue Weingesetz in Kraft trat, waren zu hohe Mostgewichte und zu viel Alkohol allerdings noch kein Thema.

Trotz Klimawandel haben viele Winzer Kabinettweine im Sortiment, weil die Kunden mit dem Begriff etwas anfangen können. Das gilt nicht für alles, was auf Etiketten zu lesen ist, und vielleicht sei die penible Festlegung auch "typisch deutsch", meint Büscher. "In anderen Ländern macht sich niemand Gedanken, ob ein Wein trocken oder halbtrocken ist, er muss harmonisch schmecken."

Classic und Großes Gewächs

Das für Weine aus eher kühlen deutschen Anbaugebieten typische Spiel von Süße und Säure hat man deshalb mit dem Begriff "classic" versucht zu beschreiben. Die Menge der halbtrockenen Weine, die unter diesem Begriff angeboten werden, geht aber nach den Zahlen des DWI deutlich zurück.

Die Klassifizierung "Selection" für trockene hochwertige Weine konnte sich in den meisten Anbaugebieten gar nicht durchsetzen. Allein in Rheinhessen gibt es mit Erfolg die Rheinhessen-Selection, bei der Weine und Weinberge strengeren Kontrollen unterliegen, ähnlich wie bei der Klassifizierung für das Erste Gewächs im Rheingau oder das Große Gewächs, das der Verband deutscher Prädikatsweingüter (VDP) für seine Mitglieder definiert hat. Hier geht es um Weine aus besonderen Lagen.

Der über 100 Jahre alte VDP, der sich als Vereinigung der deutschen Spitzenwinzer versteht, unterscheidet bei der Bezeichnung der Weine hauptsächlich noch nach Gutsweinen, Ortsweinen und Lagenweinen. Viele andere Weingüter schaffen sich andere Zusatz-Bezeichnungen mit Fantasienamen oder Sternen, um dem Kunden Orientierung zu geben.


Fazit: Kabinett und Flaschen lassen auch an die Politik denken.