Montag, 25. April 2016

vice.com: Ich habe meine Jugendjahre an den Alkohol verloren

Monate andauernde Saufgelage, täglich 50 bis 60 Drinks, kaum Schlaf und quasi jede Droge, die ich in die Finger bekam—das war für mich damals Alltag. Ich lag ständig auf dem Wohnzimmerboden einer beschissenen, kleinen Wohnung in einer heruntergekommenen Gegend am Stadtrand von Kopenhagen und verspürte in mir drin eine Leere, die man sich kaum vorstellen kann. Meine Hände zitterten, mein Herz raste, mein Körper wurde von einem Angstgefühl gepackt und mein Gesicht war mit dicken Schweißperlen übersät. Und verdammt, ich schämte mich für mich selbst. Leider kannte ich nur eine Lösung für diese Situation: ein Sixpack Bier sowie eine Flasche Billigwein.

Als ich 25 war, sah ein für mich typischer Montagmorgen genau so aus. Damals hatte ich eigentlich nur ein Ziel, nämlich mich in den Tod zu saufen. Zwar habe ich dieses Ziel nie ganz erreicht, aber man kann mir auch auf keinen Fall vorwerfen, dass ich es nicht mit allen Mitteln versucht hätte.

Ich heiße Jakob Engberg Peterson und blicke für diesen Artikel auf einen 20 Jahre anhaltenden Alkoholmissbrauch zurück, der so extrem war, dass er meine Jugend komplett zerstört hat.

Aber beginnen wir doch mal ganz von vorne und mit dem Zeitpunkt, an dem ich quasi die Grundlage für meine Karriere als Alkoholiker schaffte. Ich war so 12 oder 13, als ich das Zeug zum ersten Mal probierte. Und ich hatte sofort das Gefühl, dass Alkohol und ich gut zusammenpassen: Der Geschmack war in Ordnung und die Wirkung gefiel mir sogar noch besser—und meinen Freunden ging es genauso. Ungefähr zur gleichen Zeit entdeckten wir auch Marihuana, Skateboards, Graffiti sowie Magic Mushrooms für uns und genossen all diese Dinge in vollen Zügen. Aber wenn man in einer Kleinstadt groß wird, hat man als Alternative eben nur noch Fußball oder Mopeds. Das war uns jedoch zu langweilig.

Zwischen meinem 9. und 17. Lebensjahr wohnte ich bei meinem Vater. Unsere Beziehung war dabei immer wie die zwischen zwei Kumpels: Anstelle einer richtigen Vaterfigur hatte ich also eher einen „guten Freund", der mich das machen und trinken ließ, was ich wollte. Gleichzeitig führte er mich auch in die Welt des Cannabis ein. Als ich mit 15 zur Fortbildungsschule ging, gab es zur Brotzeit zum Beispiel ein bisschen Gras als Überraschung mit dazu.  

Wenige Jahre später wurde mir dann zum ersten Mal gesagt, dass ich ein Alkoholproblem hätte. Ich muss so 18 oder 19 gewesen sein und meine damalige Freundin ließ vorsichtig verlauten, dass ich mir doch mal Hilfe suchen sollte. Meiner Meinung nach war das natürlich nicht nötig—obwohl ich zu diesem Zeitpunkt schon von mehreren Schulen geflogen war und jeden Tag mit vier Flaschen Tuborg begann. Rückblickend wird mir klar, dass ich in diesem Zeitraum auch damit anfing, ein wirklich selbstzerstörerisches Verhaltensmuster zu entwickeln. Meine Freunde waren mit ihrem Studium und diversen Praktika beschäftigt und verschwanden so nach und nach aus meinem Leben. Ihren Platz nahmen dann Leute wie ich ein, für die es ebenfalls ganz normal war, an einem Dienstagabend eine Flasche billigen Wodka zu leeren. Das war einfach unser Ding und ich war gut darin. 

Dabei war es egal, ob ich nun andere Leute um mich herum hatte oder nicht, denn ich kiffte und trank auch ohne Probleme alleine. Das klingt jetzt so, als ob ich mich bewusst dazu entschieden hätte. In Wahrheit konnte ich jedoch einfach nicht anders. 

Mit 17 bin ich nach Kopenhagen gezogen, um mir einen Neustart zu ermöglichen. Natürlich ist dann das genaue Gegenteil eingetreten. Mein ständiges Scheitern in Bezug auf Schule, Studium und Prüfungen führte nur dazu, dass ich immer mehr Studienkredite beantragen musste. Das Geld ging aber dann eigentlich nur für Drogen und Alkohol drauf, denn diese beiden Faktoren waren aus meinen Partynächten nicht mehr wegzudenken. Meine Mutter griff mir finanziell gesehen auch noch ein bisschen unter die Arme und ich erzählte ihr irgendwelche Lügen davon, wie sie mir damit irgendetwas Sinnvolles finanzieren würde. Dabei wusste sie jedoch genau, was eigentlich abging, aber sie verspürte Schuldgefühle, weil sie mich damals bei meinem Vater hat großwerden lassen. Genau das wollte sie wiedergutmachen und lieh mir deswegen ständig Geld, ohne Fragen zu stellen. 

Mein Vater ist inzwischen tot, aber ich war viele Jahre lang unglaublich wütend auf ihn. Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir, was für ein schlechter Einfluss er auf mein junges Leben gewesen war. Und dieser Gedanke bringt einen doch ganz schnell dazu, Rotz und Wasser zu heulen, und passt dazu noch perfekt zum Alkoholkonsum. Selbstmitleid ahoi! 

Ich habe getrunken, wenn ich mich richtig beschissen fühlte. Und wenn der Alkohol den Schmerz nicht betäuben konnte, gab es ja immer noch das Gras oder härtere Drogen. Im Grunde geht es doch immer nur darum, diesen Schmerz und das Schamgefühl auszublenden. 

Irgendwann Mitte 20 war ich dann bei 50 bis 60 Drinks pro Tag angekommen. Nur in der Wochenmitte zügelte ich mich und beschränkte mich auf die Hälfte davon, denn ich wollte zumindest ein bisschen funktionieren. Zu diesem Zeitpunkt bestand auch kein Zweifel mehr daran, dass ich Alkoholiker war. Zudem nahm ich schon ziemlich heftige Disulfiram-Präparate, was meinen Gras- und Pillenkonsum zur Kompensation in die Höhe schießen ließ. Ich fand jedoch auch heraus, dass es möglich ist, Alkohol zu trinken, obwohl man gleichzeitig Medikamente gegen die Alkoholsucht einschmeißt. Man muss es nur wirklich wollen—und ich wollte es wirklich. Dabei schwillt dann allerdings der Kopf an, das Herz beginnt zu rasen, einem wird schlecht, man bekommt Atemprobleme, es bilden sich rote Flecken auf der Haut und es kribbelt überall. Irgendwann jedoch bezwingt der Alkohol das Nervensystem und man spürt diese allergischen Reaktionen gar nicht mehr. 

Ich war ständig davon überzeugt, einfach nur ein paar Monate lang Medikamente nehmen zu müssen und dann wieder trinken zu können. Aber immer wenn ich mit einer solchen Behandlung wieder aufhörte, wurde alles nur noch schlimmer. Der schwierigste Schritt bestand darin, mir tatsächlich einzugestehen, dass ich mich nicht mehr kontrollieren konnte. In meinem Kopf hatte sich nämlich die Vorstellung breitgemacht, dass ich eines Tages lernen würde, meinen Alkoholkonsum zu kontrollieren. Ich war einfach nicht mutig genug, das eigentliche Problem anzugehen: Man trinkt vor allem deswegen, weil man sich unglaublich beschissen fühlt, und wenn man dem Alkohol endgültig abschwört, muss man sich diesem Schmerz stellen. Und genau diesen Kampf wollen so viele Alkoholiker nicht kämpfen, weil sie gar nicht darauf vorbereitet sind, die Dämonen zu konfrontierten, die an allem schuld sind. 

Ich war einfach nicht in der Lage, das Trinken sein zu lassen, obwohl ich dafür in verschiedenen Bereichen meines Lebens einen hohen Preis zahlen musste. So führte ich auch insgesamt drei Langzeitbeziehungen, die letztendlich alle dem Alkohol zum Opfer fielen. Als ich mit meiner zweiten Freundin zusammen war, nahm ich Anti-Depressiva und trank gleichzeitig, was ein selbstverletzendes Verhalten meinerseits zur Folge hatte—so haute ich mir vor ihren Augen leere Flaschen gegen den Kopf und schlug mich selbst ins Gesicht, so dass es den Anschein hatte, als wäre ich richtig hart verprügelt worden. Und dann gab es auch noch die Tage, an denen sie nach Hause kam, und mich im Wohnzimmer liegend vorfand—und zwar in einer Lache aus Pisse, Kotze und Wodka. 

Als ich dann 25 war, entschied ich mich dazu, einfach auf alles zu scheißen und richtig zu trinken. Ich bin in meinem Leben dem Tod schon zweimal nur knapp von der Schippe gesprungen—einmal bei einem Techno-Festival, als ich zusammenbrach und dann im Krankenhaus wieder aufwachte, und einmal in einem Club, als ich neben zu viel Schnaps auch noch eine Überdosis GHB erwischte. Mein Herz hörte daraufhin auf zu schlagen und ich wurde in strömendem Regen vor der Warteschlange am Eingang wiederbelebt. Ich bin dann am darauffolgenden Tag in der Kopenhagener Uni-Klinik wieder zu mir gekommen und hatte dabei Elektroden am ganzen Körper kleben. Ich weiß noch genau, wie mein Blick auf die Plastiktüte fiel, in der meine Hose aufbewahrt wurde: Anscheinend hatte ich im bewusstlosen Zustand auch die Kontrolle über meine Blase verloren. Leider stießen die Ärzte mit ihren eindringlichen Warnungen bei mir auf taube Ohren, denn noch am gleichen Abend war ich wieder betrunken. Wenn mal nichts ging, saß ich einfach nur mit zugezogenen Vorhängen zu Hause, trank mich besinnungslos und heulte mit rotz- und tränenverschmiertem Gesicht vor mich hin. Ja, so sah für mich zu dieser Zeit ein normaler Abend aus. 

Mit 31 Jahren schrieb ich mich dann an einer Schildermaler-Schule ein. Die vorangegangen sieben Jahre hatte ich immer wieder Alkoholsucht bekämpfende Medikamente genommen, aber als mich meine damalige Freundin dann verließ, wurde ich rückfällig. Das war natürlich Gift für meine Ausbildung, denn ich hatte schon bald wieder so starke körperliche Probleme, dass ich meinen Pinsel bei der Arbeit nicht mehr ordentlich führen konnte. Da mir diese Ausbildung jedoch unglaublich viel Spaß machte und ich das Ganze auch unbedingt zu Ende bringen wollte, wurde mir langsam bewusst, dass in mir drin doch so etwas wie ein Lebenswunsch schlummerte. Außerdem war mir auch bewusst, dass ich einen klaren Schnitt machen und dem Alkohol wirklich komplett abschwören musste. Anfangs hatte ich noch mehrere Rückfälle und kiffte auch noch täglich, aber im August 2013 kontaktierte ich dann unterschiedliche Selbsthilfegruppen und sagte dem Alkohol, dem Marihuana, den Medikamenten und den harten Drogen für immer Lebewohl. Die wirkungsvollste Droge, die ich heute noch konsumiere, ist Koffein. 

Es wäre untertrieben, diese Entscheidung als Wendepunkt meines Lebens zu bezeichnen. Die meisten Menschen kannten mich nur als einen riesigen Versager, der nach einer heftig durchzechten Nacht irgendwo versoffen und zugedröhnt auf der Straße herumlungert. Ich merke auch, wie mir die Menschen, die mich damals erlebten, einen gewissen Respekt entgegenbringen, weil ich mich am Riemen gerissen und mein Leben wieder auf die Reihe gebracht habe. Natürlich kann ich mich mit diesen Leuten nicht mehr abgeben, aber auch in meinem neuen Freundeskreis werden Alkohol und Drogen konsumiert—nur eben in einem viel moderateren Rahmen. Ich kann nun auch wieder fortgehen, ohne ein gewisse Verlockung zu spüren. Und ganz ehrlich, ich habe beim Feiern immer noch genauso viel Spaß und bin oftmals sogar die glücklichste und energetischste Person im ganzen Club. Es hat jedoch auch eine ganze Weile gedauert, bis ich an diesem Punkt angekommen bin. Zum Glück habe ich einen guten Freund, der ebenfalls mit dem Trinken aufgehört hat und mir bei der Rückkehr ins Nachtleben eine große Hilfe war. 

Ich vermisse es nicht, betrunken oder bekifft zu sein. Ich weiß, dass es wie das größte Klischee klingt, aber ich bin einfachhigh on life. Dazu spüre ich, wie ich mich spirituell, körperlich und gesellschaftlich jeden Tag weiterentwickle. Heutzutage ist Klarheit im Kopf für mich die größte Belohnung, die es gibt. Ich kann zwar nicht versprechen, dass ich—wenn sich meine Kinder in die große weite Welt aufmachen und ich mir einen richtigen Bart habe wachsen lassen—mir in meinem Werkzeugschuppen irgendwann nicht vielleicht mal einen kleinen Joint anzünde, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nie wieder trinken werde. 

Alles in allem bereue ich es nicht, wie meine Jugend- und frühen Erwachsenenjahre verlaufen sind. Klar, ich habe in dieser Zeit zwar einen Großteil meines Lebens verschwendet, aber so bin ich auch zu dem Menschen geworden, der ich heute bin.


Fazit: Aufschlussreicher Suchtbericht