Samstag, 9. April 2016

Südkurier: Die Poetik des Scheiterns: Mit seinem Roman ,,Der goldene Handschuh" liefert Heinz Strunk eine Milieustudie, die eine trostlose Gegenwelt freilegt

Wenn sich ein Autor historischen Kontexten annimmt, dann fasst er meistens die ganz große Weltgeschichte ins Auge. Kriege, Unglücke, Politik. Den Adel. Eventuell Kunst. Das gemeine Volk indes spielt meist eine Nebenrolle, es ist vergessen, mit all seinen kleinen und nichtigen Geschichten, mit all seiner Tragik und all dem Alltag.

Auch Heinz Strunk befasst sich in ,,Der goldene Handschuh" nicht mit den Normalos, er geht einen Schritt weiter. Die Protagonisten seines Romans sind Versehrte und Verrückte, Verlorene und Verwahrloste. Sie sind Säufer, Süchtige. Der vermeintliche Bodensatz der Gesellschaft. 2009 besuchte Strunk erstmals selbst den ,,Goldenen Handschuh". Die Kiezkneipe ist legendär, eher berüchtigt als berühmt, ein Biotop in dem sich Stammgäste, Obdachlose, Luden, Prostituierte und Touristen auch heute noch die Klinke in die Hand geben. Strunk suchte das Gespräch mit Wirt und Gästen und legte alsbald wie ein Archäologe die Anekdoten frei, die sich dem goldenen Handschuh auf ewig geschrieben hatten. Die bekannteste von ihnen ist auch gleichzeitig die blutigste: Sie erzählt von Stammgast Fritz Honka, der in den 70er-Jahren ältere Prostituierte aus dem ,,Handschuh" entführte und in seiner verwahrlosten Wohnung erwürgte.

Und Heinz Strunk, der sich nach sechs autobiografisch geprägten Romanen regelrecht leer geschrieben hatte, nahm sich vor, die erschreckende Mär des Serienmörders aufzuarbeiten. In der ersten Konfrontation liest sich dieses Konzept ziemlich pulpig. Hier darf aber nicht vergessen werden, dass sich Strunk durchaus in einer Blutlinie mit entscheidenden Werken der deutschsprachigen Literatur aufhält: Denn auch Robert Musils ,,Der Mann ohne Eigenschaften" und Alfred Döblins ,,Berlin Alexanderplatz" blickten in menschliche Abgründe und machten Triebtäter zu entscheidenden Protagonisten.

Im Gegensatz zu Honka aber waren der Moosbrugger und Franz Biberkopf zwar an realen Beispielen abgezeichnet, aber keine historischen Figuren, sondern literarische Versuchskaninchen. Strunk aber schaut detailversessen zurück - und doch sind die Parallelen vor allem zu ,,Berlin Alexanderplatz" augenscheinlich: Auch ,,Der goldene Handschuh" ist eine Milieustudie, die Sprache, Habitus und Verhaltensweisen einer Gegenwelt freilegt, die so dunkel wie trostlos ist.

Die Figuren, die im Handschuh an der Theke sitzen, all die Soldaten-Norberts und Tampon-Günthers, sind gescheitert, vom Alkohol vollkommen ausgebrannt. Nur Honka - so Strunks Lieblingszitat über seine Hauptfigur - hatte auch noch das Pech zum Mörder zu werden. In diesem Versuchsfeld entwickelt der Autor eine schlagkräftige Poetik des Scheiterns, die tragisch und gleichermaßen menschlich ist, die uns an Donald Ray Pollock und Charles Bukowski erinnert. 700 Seiten hatte der Autor getippt, 250 davon sind übrig geblieben. Diese sprachliche Verdichtung des Textes, der seinen Leser kaum Platz zum atmen und vor Ekel und gleichzeitiger Faszination erschaudern lässt und der in seiner Intensität wohl nur von einem wirklichen Besuch im ,,goldenen Handschuh"" übertroffen werden kann, macht den Roman zu Strunks Meisterstück.
Heinz Strunk: ,,Der goldene Handschuh". Rowohlt Verlag, Reinbek. 256 S., 19,95 Euro


Fazit: Lektüretipp