Dienstag, 5. April 2016

Main-Post: Zwei Bierbrauer und der "stärkste Whisky": Aromastarker Tropfen reift im Schatten der Nürnberger Kaiserburg

Mit der getrockneten Gerste fängt alles an. Ohne Malz kein Bier. Ohne Malz kein Whisky. Diese Verwandtschaft macht sich der fränkische Braumeister Reinhard Engel in Nürnberg zunutze. In seiner Hausbrauerei Altstadthof im Schatten der Kaiserburg stellt der 55-Jährige gemeinsam mit seinem Sohn Maximilian (28) das Nationalgetränk der Deutschen und der Schotten her. Nun haben die Engels ein besonderes Wässerchen gebrannt: den "stärksten Whisky der Welt".
"Uns geht es nicht um den Alkoholgehalt, sondern um die Aromadichte", sagt Reinhard Engel. "Wir nehmen den Extrakt vom Extrakt, um den gesamten Geschmack ins Fass zu bekommen." Das fränkische Lebenswasser - so kann man das Wort Whisky aus dem Schottisch-Gälischen übersetzen - landet mit einem satten Alkoholgehalt von 74 Prozent in der Flasche. Die Engels nennen ihren superstarken Whisky "Ayrer´s Mastercut".
Der Name ist schnell erklärt. Im Mittelalter hieß die historische Braustätte mit Hausbrunnen und Felsenkeller in der Nürnberger Altstadt noch Ayreshof. Der Zusatz Mastercut ist ein Hinweis auf das Geheimnis seiner Herstellung. Der Kenner trinkt diesen "stärksten Single Malt der Welt" übrigens nicht pur. Mit ein wenig Wasser entfaltet sich erst das volle Aromaprofil.
"Wir machen unseren Whisky mit demselben Biomalz, mit dem wir auch unser Nürnberger Bio-Rotbier brauen", erklärt Engel und zeigt auf den Bottich, in dem die regionale Gerste aus ökologischem Anbau mit dem Wasser gemischt wird. "Damit sind wir die erste Bio-Whisky-Brennerei in Deutschland", sagt der 55-jährige Braumeister stolz.
Was für die Schotten der Whisky sei, ist für die Franken das Bier. Engel hat diese Verwandtschaft früh erkannt. "Zwischen der Herstellung von Bier und Whisky gibt es viele Parallelen." Für beide Nationalgetränke werden Malz und Wasser vergoren. "Besonders am Anfang werden beim Maischen, Läutern und Gären die gleichen Herstellungsschritte durchgeführt", erklärt Engel.
Beim Destillieren des "stärksten Whiskys der Welt" müssen Vater und Sohn den Brennprozess ganz genau im Blick haben. "Für den nehmen wir nur den Mastercut. Das ist das aromastärkste und hochprozentigste Destillat." Nur der Alkohol, der in den ersten 30 Minuten des Mittellaufs aus dem Kupferkessel fließt, kommt später ins Fass. Gleich nebenan lagern die Holzfässer, in denen der Whisky zunächst drei Jahre in amerikanischer Weißeiche reift. "Danach muss der Mastercut noch zwei Jahre in ehemaligen Sherry-Fässern lagern", sagt Reinhard Engel und zeigt auf die vielen Fässer in seinem Whisky-Keller.
Vor zehn Jahren, als Engel mit dem Whisky angefangen hat, hätten viele noch mit Verweis auf die "kurze Reifezeit" die Nase gerümpft. "Die Schotten verkaufen ihren Whisky nach dem Motto: Je älter, desto besser. Zusammen mit einer langsamen dreifachen Destillation und den richtigen Fässern muss Whisky nicht Jahrzehnte nachreifen", meint Engel. Praktischer Nebeneffekt: Es verdunstet weniger. Rund fünf Prozent der hochprozentigen Flüssigkeit verschwindet pro Jahr auf mysteriöse Weise aus dem Fass. Angel´s Share nennen Whiskykenner diesen Verflüchtigungsprozess.
Unter Kennern ist der fränkische Whisky inzwischen in aller Munde. "Ich habe den Eindruck, dass die Bierbrauer ein besseres Händchen für Whiskys haben als die traditionellen Obstbrenner. Mich als Whisky-Freund freut es einfach, dass einige fränkische Bierbrauer wie die Altstadthofbrauerei in Nürnberg jetzt auch noch einen guten Whisky brennt", sagt Bernhard Schäfer, der Vorsitzende des ältesten Whisky-Clubs in Deutschland, der auch in Nürnberg zu Hause ist.
Mit dem Slogan "Whisky-Hauptstadt" wirbt mittlerweile die Nürnberger Tourismuszentrale. Schließlich brennen die Engels nicht nur den stärksten Whisky der Welt. Auch der "Beste deutsche Whisky" kommt aus Nürnberg. Hinter dieser hochprozentigen Erfolgsstory stecken erneut die Engels. In ihrer Altstadtbrauerei reift auch dieser Tropfen heran. Allerdings hat der "nur" 56 Prozent.


Fazit: Beim strammen Trinker verschwindet Whisky auf wenig mysteriöse Weise.