Mittwoch, 2. März 2016

Westdeutscher Rundfunk: Hausärzte sollen Patienten häufiger auf Alkohol ansprechen

Ein Bier oder ein Gläschen Wein am Feierabend – das gehört einfach dazu. Dabei können schon geringe Alkoholmengen auf Dauer riskant werden, warnt die Ärztekammer Nordrhein. Ihr Wunsch: Hausärzte sollen das Trinkverhalten offensiver ansprechen. Doch die sind nicht alle von der Kampagne überzeugt.

Guido Marx ist seit 30 Jahren niedergelassener Arzt in Köln. Der 58-Jährige kennt viele seiner Patienten lange. Und damit auch ihre Lebensgewohnheiten. Über Alkohol spricht er mit ihnen geradeheraus. Und zwar nicht erst, wenn jemand eine Fahne hat. Manche machen es ihm einfach: Wenn sie  nach Weihnachten oder Karneval erhöhte Leberwerte haben, erzählen sie, dass sie mehr gebechert haben.  "Und bei der nächsten Untersuchung ist alles wieder in Ordnung", erzählt der Allgemeinmediziner. "Aber jemanden davon zu überzeugen, weniger zu trinken, ist sehr schwer. Denn dafür muss man seine Lebensgewohnheiten ändern  -  und nichts ist schwerer als das.

"Und wie ist es mit Bier?"

Einige  Menschen haben gewisse Getränke gar nicht unter Alkohol abgespeichert, stellt der Arzt immer wieder fest. Für sie gehört dazu nur Hochprozentiges. Wenn Marx etwa bei Erstuntersuchungen nach regelmäßigem Alkoholkonsum fragt, bekommt er häufig ein 'Nein' zu hören. Dann fragt er weiter nach: "Und wie ist es mit Bier?“, und dann fällt der Groschen: "‘Aaah, Bier! Ja, das trink ich regelmäßig'.“ Und  natürlich hakt der Arzt nach, wenn beim Check-up die Leberwerte auffallen: "Nur heißt das noch nicht, dass ich immer die Wahrheit erfahre.“ Einige Patienten sagen das, was ein Arzt gerne hören möchte. "Die meisten sprechen vom gelegentlichen Trinken. Doch wenn ich höre: 'Nur ein Gläschen Wein am Abend', kann ich bei dem ein oder anderen noch ein Gläschen drauf rechnen."

Täglich ein Glas Wein ist zu viel

Diese Menge wäre aus Sicht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) definitiv zu viel. Die DHS hat sich dem Appell der Ärztekammer Nordrhein vom Mittwoch (02.03.2016) angeschlossen: Hausärzte sollen das Thema Alkoholkonsum bei Routineuntersuchungen häufiger ansprechen und Aufklärungsmaterial mit nach Hause geben. Denn auch durch als gering empfundene Mengen bestehe auf Dauer die Gefahr für gesundheitliche Schäden, heißt es bei der DHS. "Es wird unterschätzt, das beispielsweise dadurch das Risiko für Brustkrebs und für den Verdauungsapparat steigt", sagt eine DHS-Sprecherin. "Der riskante Konsum geht schon bei einem Glas Wein täglich los."

Weniger Trinken funktioniert sowieso nur, wenn jemand das von sich aus will. "Es hat keinen Sinn, wenn die Ehefrau mich anruft und bittet, dass ich ihrem Ehemann ins Gewissen reden soll", weiß der Hausarzt. "Der Ehemann muss das Gefühl haben, er macht das für sich selbst und nicht für andere."  Regelmäßig auf Granit beißt der Mediziner bei älteren Menschen. Es sei zum Beispiel fast aussichtslos, 70- oder 80-Jährige zum Alkoholverzicht zu bewegen, weil sie Schlaftabletten nehmen. "Dass sie deshalb eher stürzen können, wenn sie nachts aufstehen, prallt an ihnen ab. Die geben einem zu verstehen, dass das ihre einzige Freude am Abend ist."  Außerdem kontern sie damit, dass sie gar nicht vorhaben, 90 Jahre alt zu werden.

Aufklärungsflyer nicht ansprechend

Mit Aufklärungsmaterial braucht er ihnen gar nicht zu kommen. Ohnehin ist dem Hausarzt der Flyer der Ärztekammer zu allgemein. "Da findet sich kaum jemand wieder. Kein Diabetiker, keine Schwangere, die Informationen für Männer und Frauen sind fast gleich. Und er ist nicht auf  die Sprache der Patienten abgestimmt. Deshalb fühlt man sich nicht angesprochen." Dieses Aufklärungsmaterial müsse zudem praktischer umgesetzt werden - mit freiem Platz. "Damit der Arzt etwas gezielt für einen bestimmten Patienten aufschreiben kann, was für ihn wichtig ist."

Auch andere Ärzte sind gefragt

Außerdem hält Marx es für zu kurz gegriffen, nur  Hausärzte verstärkt auf das Thema Alkohol anzusetzen. Er sieht auch andere Kollegen in der Pflicht: Frauenärzte, die Schwangere sensibilisieren oder Jugendärzte, die gegenüber Teenagern häufiger das angesagte Komasaufen anschneiden sollten. "Und auch ein Orthopäde sollte genauer nachfühlen, wenn er einen Patienten nach einem Sturz in seiner Praxis hat."

Alkohol gehört fast zu jeder Feier

Damit riskante Trinkmuster sich gar nicht erst entwickeln, muss man aus Sicht des Mediziners aber woanders ansetzen. "Im Elternhaus, Kindergarten und in der Schule - da werden die Weichen gestellt." Soll heißen: Kinder bekommen mit, dass Alkohol zu jeder Feier dazu gehört, und machen das später genauso. "Der Appell der Ärztekammer und DHS ist nicht verkehrt. Aber man muss realistisch bleiben. So etwas wie eine absolute Abstinenz wird man nie erreichen können", sagt Marx. Bekanntermaßen sei Alkohol in unserer Kultur sehr tief verankert. "Auch der Priester trinkt Wein und nicht Tee." Und erstaunlich findet es der Hausarzt, dass Sekt, Bier und Co. sogar in Kiosken in Krankenhäusern verkauft werden.


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